In Socken tippelt Daniel Sulser aus dem Schlafzimmer im zweiten Stock nach unten. Der Teppich auf den Treppenstufen schluckt den Hall seiner Schritte. Kathrin, seine Frau, und die Kinder schlafen noch. Auch an diesem Montag im April hat der Wecker um 4.30 Uhr geklingelt. Daniel geht vorbei an den halb offenen Türen der drei Kinderzimmer mit den selbst gemachten farbigen Namensschildern: Joëlle, Nathalie, Cédric. In der Küche steckt er eine Nespresso-Kapsel in die Kaffeemaschine. Groß, kein Zucker.

Morgenruhe an der Dürntnerstraße 40 in 8635 Dürnten. Nur die beiden Meerschweinchen Jimmy und Jill fiepen in ihrem Käfig. Sie haben Hunger. Aber sie müssen warten.

Daniel greift seine Tasche und schließt leise die Haustür hinter sich. Nirgends in der Nachbarschaft brennt Licht. Um 5.39 Uhr fährt die S-Bahn-Linie 5 in Bubikon, die anderthalb Kilometer ins Nachbardorf geht er zu Fuß. Hindurch unter dem Stummel der Oberlandautobahn, vorbei am eingezäunten Garten-Center Meier. Noch fährt kein Bus. Die Bahn kommt pünktlich. Der Lebensmitteleinkäufer, 41 Jahre alt, setzt sich in die erste Klasse im oberen Stock: "Da ist man bei den Mehrbesseren, das ist auch mal schön."

Ein eigenes Haus, ein Garten, drei Kinder, ein Auto, ein Jahresabo des Zürcher Verkehrsverbunds. Das sind die Sulsers, eine ganz normale Schweizer Familie. "Mitte, hinten, nicht auffällig, so wollen wir durch die Welt gehen", sagt Daniel.

Doch eigentlich dürfte es sie nicht geben, die Sulsers und ihren Way of Life. Sagt man. Sagen all die Vordenker, Planer, Architekten, Politiker, Journalisten. Also jene, die fordern: Baut dicht, lebt urban, das ist die Zukunft! Das "Hüsli" ist für sie ein "Krebsgeschwür", das die Schweiz zerfrisst. Der Traum vom Eigenheim eine "Geisteskrankheit". Kathrin sagte mir eines Abends: "Bei den Städtern sind wir etwas verpönt. Es ist fast peinlich, wenn man sagt, man wohne in der Agglo."

Nur: Die zersiedelte Schweiz, die alle bejammern, ist kein Zufall. Sie entstand durch den Willen des Volks, durch Familien wie die Sulsers. "Beruf, Kinder und ein Haus – das sind riesige Meilensteine, die ich erreichen wollte", sagt Daniel. Er war als Kind vier- bis fünfmal umgezogen: "Das wollte ich meinen eigenen Kindern nicht antun, sie sollen möglichst nicht aus der Klasse gerissen werden." Jährlich denken 12.000 andere Schweizer Familien genauso; und setzen ein neues Einfamilienhaus in die Landschaft. Ihre Trutzburg.

Im April habe ich die Sulsers eine Woche lang begleitet. Ich wollte wissen: Wie leben und denken die Schweigenden in diesem Land? Jene Schweizer, die Häuser bauen oder Wohnungen kaufen, weil sie es sich leisten können? Jene Schweizer, die durch ihr Handeln bestimmen, wie die Landschaft aussieht? Jene Schweizer, die merken, dass über sie gesprochen wird, aber deren Stimme kaum gehört wird bei der Frage: Wie soll die Schweiz in Zukunft aussehen?

6.40 Uhr. Joëlle, 6, kommt schlaftrunken aus dem Zimmer, gefolgt von Cédric, 9. Sie trinken ihre warme Ovomaltine und legen sich nochmals hin. Nur Nathalie, 11, fehlt. Sie ist krank. Kathrin steckt ihr das digitale Thermometer ins Ohr: 37,5 Grad Fieber. Am Sonntag war die Familie am Kinderumzug des Sechseläutens. In Kostümen aus der Biedermeierzeit marschierten sie im strömenden Regen durch die Zürcher Innenstadt. "Nein, nein", sagt Kathrin, 41, lachend: "In einer Zunft sind wir nicht, wo denkst du hin."

Doch die Vergangenheit fasziniert sie, die eigene und die fremde. In der Garderobe im Keller hängt ein selbst gezeichneter Stammbaum der beiden Familien mit vergilbten Fotos aus dem Fundus der Urgroßmutter. Und begeistert erzählt Kathrin von Ausflügen nach Wien zu Sissi oder zum Schloss Neuschwanstein.