Im Zuge der Weiterentwicklung des EU-Rechts und der Überwachung der Verträge befürchten die Gewerkschaften eine Schwächung der flankierenden Maßnahmen. Sie misstrauen der EU beim Schutz der Löhne ganz allgemein und dem Europäischen Gerichtshof im Besonderen.

Die Interessen der Schweizer Arbeitnehmenden verlangen zweifellos einen Schutz vor Lohndumping. Das bringt die Gewerkschaften in eine schwierige Situation. Der Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist für die Schweizer Wirtschaft und damit für die Arbeitnehmenden von existenzieller Bedeutung. Ein solcher Binnenmarkt ist aber ohne gemeinsame Regeln nicht zu haben. Man kann auch nicht eine gemeinsame Autobahn benutzen, aber nach den je eigenen Regeln fahren. Spätestens wenn sie auf einen links fahrenden Engländer treffen, wird es schwierig. Bei der Frage der Weiterentwicklung, Auslegung und Überwachung der Regeln wird sich die EU deshalb nicht so leicht von ihren Forderungen abbringen lassen.

Aus ihrer Geschichte heraus sind Gewerkschaftsbund wie Sozialdemokratie international ausgerichtet. Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts war in der linken Analyse ein Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie. Die Sozialistengesetze Bismarcks lassen grüßen. Die Linke in der Schweiz hoffte zwar auf die Wirkung der Demokratie, wurde aber enttäuscht. Die Glarner Landsgemeinde führte früh einen gesetzlichen Arbeitnehmerschutz ein, und die demokratische Bewegung in Zürich vertrat genossenschaftliche Interessen. Das blieb aber Episode. Staatliche Altersvorsorge und Krankenversicherung ließen hierzulande im europäischen Vergleich besonders lange auf sich warten. 

Es ist keine gute Idee, für den Schutz der Arbeitnehmerinteressen das Heil in nationalstaatlichen Lösungen zu suchen. Kurzfristig mag das einleuchten. Wer aber so sehr auf internationalen Austausch angewiesen ist wie die Schweiz, wird auch die Arbeitnehmerinteressen nur in einem internationalen Rahmen schützen können. Dafür braucht es europäische Verbündete. Gibt es noch eine europäische Gewerkschaftsbewegung?