Nein, dieser Bericht will seine Leser gar nicht mit szenischen Beobachtungen und den immer gleichen atmosphärischen Details aus Cannes behelligen. Es muss aber zumindest kurz vermeldet werden, dass die Temperaturen an der Croisette bösartige 15 Grad niedriger sind als in Deutschland, dass man sich auf dem Weg zum Kino mit mehreren übereinandergezogenen Kleiderschichten wie eine Obdachlose vorkommt und dass man sich in der Warteschlange während eines Wolkenbruchs mit drei Kolleginnen unter den Regenschirm eines älteren Italieners verkroch ("So viele Frauen kommen nie wieder so nah an mich heran").

Die kleinen, flüchtigen, für Heiterkeit sorgenden Solidargemeinschaften während des Regens sind das Leitmotiv der wirklichen Welt von Cannes. Und auf der Leinwand? Regiert die Liebe. Aber die Arme, was hat sie nicht alles zu tragen während dieser 65. Festivalausgabe! Sie hilft über verlorene Gliedmaßen und das Leid des Außenseiters hinweg, hat als Sehnsuchtsgefühl gegen die Ökonomisierung des Körpers zu bestehen und überdauert tapfer den Tod, genauer: ein langsames Sterben. Hier also eine kleine Liebesphänomenologie der 65. Filmfestspiele von Cannes.

1. Die Liebe und der versehrte Körper: Es bietet sich an, vorneweg den Inhalt von Jacques Audiards De rouille et d’os zusammenzufassen, um den eventuell aufkommenden Trashverdacht zu zerstreuen: Stéphanie, Dompteurin in einer Meeresshow, verliert durch den Biss eines Orcas beide Unterschenkel und erlangt durch die Beziehung mit einem boxenden Wachmann neuen Lebensmut. Was Audiards Film so besonders macht, sind nicht die digital erzeugten Beinstümpfe von Marion Cotillard, an die man sich erstaunlich schnell gewöhnt. Es ist das Aufeinandertreffen zweier auf unterschiedliche Weise versehrter Menschen: Stéphanie, die vom Objekt des Mitleids, als das sie sich selbst sieht, wieder zum Objekt der Begierde werden kann. Und Ali (Matthias Schoenaerts), ein wortkarger Prolet, der sich aus Gründen, die der Film klugerweise offenlässt, in seinen hünenhaften Körper zurückgezogen hat. Audiard filmt Nacken, Hände, Haare, Haut mit einer Handkamera, die die Textur der Körper erkundet. Er zeigt Alis selbstverständlichen Umgang mit Stéphanie beim Schwimmen und beim Sex. Er zeigt zwei Menschen, die in ihrem Körper gefangen sind und einander mehr bedeuten, als sie zunächst ahnen. Er erzählt von der Entstehung der Gefühle unter Extrembedingungen.

2. Die käufliche Liebe: Dass die Liebe im österreichischen Kino keine großen Chancen hat, sollte sich herumgesprochen haben. Ulrich Seidl, der immer wieder extreme Formen der Einsamkeit auf die Leinwand gebracht hat (Tierische Liebe, Hundstage, Import Export), erzählt von ihr in anderer Form: als Sehnsucht nach Berührung. In Paradies: Liebe folgt er der Mittfünfzigerin Teresa in ein Ferienresort nach Kenia und auf ihren Wegen als Sextouristin. Seidl komponiert distanzierte Tableaus, die mehr enthalten, als sie zeigen. Einmal sieht man den Strand, den eine Schnur teilt. Auf der einen Seite sonnen sich die Touristen auf Liegen. Auf der anderen stehen afrikanische Männer, die Schmuck, Schnitzereien, eine Bootstour oder eben auch sich selbst verkaufen. So einfach sieht die postkoloniale Welt aus. Und so kompliziert wird es, wenn man die Linie überquert. Teresa kauft Sex und möchte Zärtlichkeit. Die kenianischen Männer verbrämen ihre Prostitution mit Geschichten von kranken Verwandten. Paradies: Liebe handelt weder vom Paradies noch von der Liebe, sondern von Bedürftigen, die in Wellblechsiedlungen einander ausbeuten. Seidls Größe besteht darin, vom System zu erzählen, das hinter seinen Bildern liegt und über sie hinausweist. Nach dem Verlassen des Kinos kaufte man dem afrikanischen Händler an der Croisette schlechtgewissig einen überteuerten Regenschirm ab.

3. Die Liebe und das Sterben: Amour heißt Michael Hanekes neuer Film. Das titelgebende Wort wird in diesem Kammerspiel kein einziges Mal ausgesprochen. Aber die Geschichte einer großen Liebe steckt in jeder Ritze, im knarrenden Parkett, in den Bücherregalen der großbürgerlichen Wohnung von Anne (Emmanuelle Riva) und Georges (Jean-Louis Trintignant). Als Anne nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, muss Georges sie pflegen. Präzision, Komposition, Observation – das sind die Wörter, mit denen Hanekes Kino immer wieder beschrieben wird. Man möchte auch diesmal zu ihnen greifen und sie doch sofort wieder zurücklegen. Denn Amour ist ein Film, der dort beginnt, wo die Sprache aufhört. Man könnte ihn ansehen, auch ohne das bürgerliche Französisch der beiden zu verstehen. Stets tritt die Kamera einen Schritt zurück, schafft Raum für die Choreografie einer großen Liebe: Georges bewundernder Blick auf seine Frau an dem Abend, als die beiden zum letzten Mal ausgegangen sind. Ihre Ungläubigkeit und sein Entsetzen angesichts ihrer ersten Absenz. Die Handreichungen der Fürsorge, des Stützens und Fütterns. Die Ruhe seiner Bewegungen, aus denen das Wissen um den Abgrund spricht. Und die Einheit der beiden, die selbst dann im Raum steht, als sie sie nicht mehr wahrnehmen kann.

"Du bist ein Monster, aber ein freundliches", sagt Anne zu Georges, als die beiden noch beim Frühstück zusammensitzen können. Auch Hanekes Film ist ein freundliches Monster. Weil er uns vorführt, wie eine Liebe der Monstrosität des Verfalls und des Todes trotzt. Und weil seine Bilder die Monster mit Empfindsamkeit besiegen.

4. Die Liebe und Bruce Willis: Wer hätte gedacht, dass die Pressekonferenzen von Cannes zu überraschend poetischen Momenten führen können? Zumindest die zu Wes Andersons Film Moonrise Kingdom über die große Liebe zweier zwölfjähriger Außenseiter. Wie ein Fremdkörper wirkte Bruce Willis, der in Andersons Film die Rolle eines einsamen Insel-Polizisten spielt, auf dem Podium neben Wes Anderson, Tilda Swinton, Bill Murray, Jason Schwartzman: ein mächtiger runder Schädel mit Die Hard-Glatze, ein Hollywood-Action-Brocken zwischen den feinsinnigen Gesandten des Autorenkinos. Aber dann sagte Willis plötzlich ein bisschen stotternd einen Satz, der für Andersons merkwürdigen Liebesfilm genauso gilt wie für das Leben überhaupt und für dieses zu kühle, verregnete 65. Festival von Cannes, einen Satz, dessen linkischer Schönheit nichts hinzuzufügen ist: "Es geht um große Liebe, um eine neue, junge Liebe, um eine Liebe, die immer wieder durchgeschüttelt und bedroht wird, um das Feuer der Liebe, das niemand löschen kann, aber auch um die uralte Geschichte, dass jeder Mensch geliebt werden will – sogar ein Polizist."