Der Hort des Philosophen – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Bredekamp, bis heute schwärmen die Gartenliebhaber aus aller Welt vor allem vom englischen Landschaftsgarten. Hingegen scheint der französische Barockgarten mit seiner geometrischen Strenge nur wenige Bewunderer zu finden. Woran mag das liegen?

Horst Bredekamp: Der englische Garten ist zweifellos eine enorme schöpferische Leistung, eine große Erfolgsgeschichte der Moderne. Dieser Garten hat sich tief in die Zellstruktur unseres politischen Denkens gebohrt: Die Natur ist demnach republikanisch. Und im Landschaftsgarten verbünden sich Natur und Demokratie. Die alternative Bewegung, nämlich die Fortdauer des französischen Barockgartens bis heute, wurde daher weitgehend ignoriert.

ZEIT: Vielleicht liegt das daran, dass der englische Garten eine neue Freiheit symbolisiert, im Einklang mit der Natur...

Bredekamp: Das ist ein hartnäckiger Mythos, der schon in sozialer Hinsicht fragwürdig ist. Zwar wurden Angestellte und Bauern ab und zu an den Banketten im Garten beteiligt, ansonsten aber war er hermetisch abgeriegelt; es gab drakonische Strafen für Eindringlinge. Individuelle Freiheit im Garten jenseits aller Klassen blieb eine Utopie. Und auch ästhetisch war der englische Garten strenger, als wir glauben: Die pittoreske künstliche Landschaft folgt einer konsequent vorgegebenen Choreografie. Sie zaubert Sichtachsen hervor, die den Spaziergänger auf bestimmte Konstellationen hin festlegen, und die sich schlängelnden Wege sind genormt. Goethe beklagte denn auch die fehlende Möglichkeit, Menschen auszuweichen. Im Barockgarten existiert stattdessen die unvergleichliche Freiheit, nur auf jene Menschen zu stoßen, die man auch treffen will: Jederzeit kann man hinter Hecken verschwinden und sich in Lauben verbergen, die niemand sieht. Der englische Landschaftsgarten hingegen hat den Charakter einer zwanghaft geführten Freiheit.

ZEIT: Dennoch ist es der Barockgarten, der zum Inbegriff absolutistischer Herrschaft wurde.

Bredekamp: Aber diese Herrschaft war nicht unbegrenzt, sonst wäre sie eine Diktatur. Im berühmtesten Barockgarten, dem von Versailles, wurde dem auch symbolisch Rechnung getragen, wie neuere Forschungen gezeigt haben: Rundherum zeigten Darstellungen einen Ring aus Hügeln, der die Geltung der Königsmacht begrenzte. Die Strahlkraft, die vom Schloss durch den Garten scheinbar ins Unendliche reichte, fand hier ihr Ende.

ZEIT: Der Monarch beherrschte den Garten aber immerhin symbolisch total: Vom Schloss aus konnte der "Sonnenkönig" Ludwig XIV. die gesamte Anlage überblicken.

Bredekamp: Solch eine Vorstellung von einem machtzentrierten "Blickregime", die auf Michel Foucault zurückgeht, ist ebenfalls zu eindimensional. Der König konnte zwar dank der großen Schauachsen alles sofort erfassen – umgekehrt wurde er aber just durch diese zugleich sichtbar für alle. Er zeigte sich den Untertanen und machte sich zum Objekt von deren abschätzenden Blicken. Schließlich war der Barockgarten von Anfang an öffentlich für alle Stände, im Unterschied zu den englischen Gärten: Versailles konnte Tag und Nacht von jedem betreten werden, der ordentlich gekleidet war – eigentlich unvorstellbar!

ZEIT: Ausgerechnet Versailles ein Paradies der Freiheit?

Bredekamp: Der Barockgarten ist mitnichten eine Vergewaltigung der Natur, sondern der Ort einer höchst aufwendigen Pflege von Pflanzen, auch exotischen, und keineswegs ein Monstrum für die Untertanen zur Einübung von Ordnung. Der englische Garten dagegen träumte die Utopie von der Harmonie mit der Natur in splendid isolation.

Schon Epikur propagierte den Garten als Rückzugsort

ZEIT: Auch deutsche Philosophen konnten sich für den barocken Garten begeistern. Gottfried Wilhelm Leibniz hat sogar die Anlagen von Schloss Herrenhausen in Hannover mitgeprägt. Was fand er daran so interessant?

Bredekamp: Die Barockgartenanlage, die in Etappen seit 1666 entstand, war ein politisches Prestigeprojekt. Leibniz kam nach Hannover und unterstützte die eng mit ihm vertraute Kurfürstin Sophie bei der Planung der Gärten, beschäftigte sich beispielsweise genau mit der Wasserführung; stundenlang spazierten sie durch die Anlagen und diskutierten. Es war für Leibniz zweifellos jener Reflexionsort, den der griechische Philosoph Epikur im Sinn hatte, als er den Garten als Rückzugsraum fernab vom Trubel propagierte.

ZEIT: Konnte sich denn der Universalgelehrte überhaupt von der unerbittlichen Geometrie inspirieren lassen?

Bredekamp: Aber sicher, gerade! Ausgerechnet im angeblich so rigiden deutschen Pendant zu Versailles entwickelte der bedeutendste Philosoph seiner Zeit eine seiner zentralen Denkfiguren: Das Prinzip der unendlichen Individualität der Natur erkannte Leibniz anhand seiner Untersuchungen von Blättern des Gartens! Und auch die Gartenpraxis war nicht streng: Bei Maskenbällen tanzten 3.000 Hannoveraner Bürger dort bis zum Morgengrauen. Für mich ist Herrenhausen die philosophisch und kunsthistorisch faszinierendste Gartenanlage in Deutschland.

ZEIT: Haben Sie wie Leibniz einen Lieblingsgarten?

Bredekamp: Die vielen kleineren Gärten in Holstein standen für mich, der aus Kiel stammt, am Anfang meines Interesses für Gärten. Später kamen dann die italienischen Renaissancegärten hinzu – Tivoli zum Beispiel, wo strenge Geometrie durch das Wasserschäumen der Kaskade am Hang in Bewegung gebracht wird, aber auch Lante oder Pratolino. Mehr als fünf Jahre lang habe ich dann über den "Heiligen Wald" von Bomarzo nördlich von Rom geforscht, den Vicino Orsini ab der Mitte des 16. Jahrhunderts anlegen ließ – für mich noch immer der Garten aller Gärten. Hier gibt es beides: geometrische Formen wie auch schwingende Linien des Landschaftsgartens. In diesem Garten wird zur Gewissheit, dass die klassische Abfolge der Gartengeschichte nicht stimmen kann.

ZEIT: Sehen Sie momentan neue Formideen, gar eine Renaissance der Gartenkultur?

Bredekamp: Das für meinen Begriff eindrucksvollste Gartenprojekt hierzulande ist das deutsche Bomarzo. Es nennt sich "im Tal": Auf über 100.000 Quadratmetern, von Bauern zusammengekauft, hat der Bildhauer Erwin Wortelkamp seit Mitte der achtziger Jahren mit anderen Künstlern eine riesige Naturgartenlandschaft entwickelt – mitten im Westerwald. Das ist einer der großartigsten Gärten von heute, mit enormer Aura. Auch eine Renaissance: Hier ist ein Garten wieder zum Lebensprojekt geworden.