ZEIT: Auch deutsche Philosophen konnten sich für den barocken Garten begeistern. Gottfried Wilhelm Leibniz hat sogar die Anlagen von Schloss Herrenhausen in Hannover mitgeprägt. Was fand er daran so interessant?

Bredekamp: Die Barockgartenanlage, die in Etappen seit 1666 entstand, war ein politisches Prestigeprojekt. Leibniz kam nach Hannover und unterstützte die eng mit ihm vertraute Kurfürstin Sophie bei der Planung der Gärten, beschäftigte sich beispielsweise genau mit der Wasserführung; stundenlang spazierten sie durch die Anlagen und diskutierten. Es war für Leibniz zweifellos jener Reflexionsort, den der griechische Philosoph Epikur im Sinn hatte, als er den Garten als Rückzugsraum fernab vom Trubel propagierte.

ZEIT: Konnte sich denn der Universalgelehrte überhaupt von der unerbittlichen Geometrie inspirieren lassen?

Bredekamp: Aber sicher, gerade! Ausgerechnet im angeblich so rigiden deutschen Pendant zu Versailles entwickelte der bedeutendste Philosoph seiner Zeit eine seiner zentralen Denkfiguren: Das Prinzip der unendlichen Individualität der Natur erkannte Leibniz anhand seiner Untersuchungen von Blättern des Gartens! Und auch die Gartenpraxis war nicht streng: Bei Maskenbällen tanzten 3.000 Hannoveraner Bürger dort bis zum Morgengrauen. Für mich ist Herrenhausen die philosophisch und kunsthistorisch faszinierendste Gartenanlage in Deutschland.

ZEIT: Haben Sie wie Leibniz einen Lieblingsgarten?

Bredekamp: Die vielen kleineren Gärten in Holstein standen für mich, der aus Kiel stammt, am Anfang meines Interesses für Gärten. Später kamen dann die italienischen Renaissancegärten hinzu – Tivoli zum Beispiel, wo strenge Geometrie durch das Wasserschäumen der Kaskade am Hang in Bewegung gebracht wird, aber auch Lante oder Pratolino. Mehr als fünf Jahre lang habe ich dann über den "Heiligen Wald" von Bomarzo nördlich von Rom geforscht, den Vicino Orsini ab der Mitte des 16. Jahrhunderts anlegen ließ – für mich noch immer der Garten aller Gärten. Hier gibt es beides: geometrische Formen wie auch schwingende Linien des Landschaftsgartens. In diesem Garten wird zur Gewissheit, dass die klassische Abfolge der Gartengeschichte nicht stimmen kann.

ZEIT: Sehen Sie momentan neue Formideen, gar eine Renaissance der Gartenkultur?

Bredekamp: Das für meinen Begriff eindrucksvollste Gartenprojekt hierzulande ist das deutsche Bomarzo. Es nennt sich "im Tal": Auf über 100.000 Quadratmetern, von Bauern zusammengekauft, hat der Bildhauer Erwin Wortelkamp seit Mitte der achtziger Jahren mit anderen Künstlern eine riesige Naturgartenlandschaft entwickelt – mitten im Westerwald. Das ist einer der großartigsten Gärten von heute, mit enormer Aura. Auch eine Renaissance: Hier ist ein Garten wieder zum Lebensprojekt geworden.