"Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!" Dieses geflügelte Wort von Brecht ist für einen Gärtner nicht ungefährlich. Da soll er eigentlich in die Knie gehen und sich geschlagen geben: Ja, es ist wahr, ich kümmere mich hier nur um mein kleines Gärtchen vor der Stadt und nicht um das Elend draußen in der Welt. So hatte sich Brecht das wohl gedacht in seinem Gedicht An die Nachgeborenen. Andererseits hat er selber später am Schermützelsee gesessen, östlich von Berlin, und dort die Elegien geschrieben, die ihren Namen dem Buckower Land verdanken, dieser schönen Landschaft aus Wäldern und Mooren und Söllen. Da heißt es: Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel / Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten / So weise angelegt mit monatlichen Blumen / Daß er vom März bis zum Oktober blüht. / Hier, in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich / Und wünsche mir, auch ich mög allezeit / In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten / Dies oder jenes Angenehme zeigen.

Das war in den Wochen nach dem 17. Juni 1953 und schloss nun sicher ein Schweigen ein. Aber der Dichter im Besonderen ist eben nicht immer Revolutionär. Man könnte sogar sagen: Er ist vielleicht das eine umso weniger, je mehr er das andere ist. Jedenfalls darf dann wohl auch der Mensch im Allgemeinen manchmal nur Gärtner sein. Und der Gärtner trägt bei zur Ordnung im höheren Sinne. Es manifestiert sich in seinem stillen Wirken die Würde der Arbeit. Und wir übertreiben nur ein ganz kleines bisschen, wenn wir sagen: Der Mensch bedenkt seinen Platz in der Welt auch nicht viel anders als der Gärtner seinen Platz im Garten. In kleinerem Maßstab, unter zumeist suburbanen Umständen. Gleichwohl.

Auch im Vorort gilt es, in den Tiefenschichten der gärtnerischen Existenz die ständig fließende Grenze zwischen Natur und Kultur auszuloten, von der das menschliche Leben durchzogen ist. Außerdem kommen einem beim Graben manchmal die besten Ideen. Mit denen lässt sich dann etwas anfangen, draußen, in der Welt, vor dem Gartenzaun.


Als der Mensch sesshaft wurde, hat er als Erstes einen Garten angelegt. Und als er das tat, hat er eine Grenze gezogen. Daran sollte man denken, wenn man sich über Jäger- und Maschendrahtzaun lustig macht. Der Zaun bedeutet Kultur. Er grenzt eine Fläche ab und schafft einen Raum der Verantwortung, der Gestaltung. Einen Raum der Ordnung.

Es gibt ja ohne Schweigen kein Sprechen. Und ohne Einsamkeit keine Gesellschaft. Und ohne Ruhen keine Arbeit. Der Garten ist der Gegenort, ohne den alles nichts ist. Und der Garten ist der Ort der selbstbestimmten Arbeit. Also der Arbeit, die den Menschen zum Menschen macht. Damit ist der Garten ein politischer Ort.

Rilke sagt: "Es gibt nichts Glücklicheres als die Arbeit. Und Liebe, gerade weil sie das äußerste Glück ist, kann nichts anderes als Arbeit sein. Wer also liebt, der muss versuchen, sich zu benehmen, als ob er eine große Arbeit hätte: Er muss viel allein sein und in sich gehen und sich zusammenfassen und sich festhalten; er muss arbeiten; er muss etwas werden!" Das ist eigentlich alles, was es zum Garten zu sagen gibt.

Obwohl Rilke sich für den Garten wohl nicht sehr interessierte, dafür aber umso mehr für die Liebe. Ganz egal, die Liebe, der Garten, alles dasselbe. Weil es um die Arbeit geht. Man muss etwas werden, sagt Rilke, und in der Arbeit wird man etwas. Und er sagt, man muss allein sein. Auch das gilt für den Gärtner. Der Garten ist nichts für Gruppen. Gruppengärtnern klingt schon vom Begriff her irgendwie anstößig. Der Gärtner arbeitet allein. Im Garten. Und in sich selbst. Denn der größte Teil der Gartenarbeit findet im Inneren statt.