Eigentlich lag diese Entscheidung in der Luft. Und doch wird sie wohl einiges Überraschen auslösen: Die in der Türkei geborene und in Deutschland auch künstlerisch aufgewachsene Shermin Langhoff übernimmt 2013 die Intendanz des Berliner Maxim Gorki Theaters. Damit setzt Berlin kulturpolitisch ein deutliches Signal. Warum das? Weil nach allem, was wir wissen, für eine interkulturelle Öffnung von Kulturinstitutionen die drei »P« entscheidend sind: Publikum, Programm und (Leitungs-)Personal.

Wer wie ich die deutsche Einwanderungsgesellschaft nicht vorrangig als Problem sieht, sondern Migration als – auch kulturelle – Bereicherung begrüßt, der wird als Kulturpolitiker ziemlich schmallippig, wenn er feststellt, wie unterrepräsentiert die migrantische Bevölkerung in unseren Theatern, Opern, Konzerthäusern und Museen vertreten ist. Das gilt auch für Berlin; eine Stadt, die sich im In- und Ausland zu Recht den Ruf einer weltoffenen, internationalen Kulturmetropole erworben hat. Wie passt das zusammen? Auf den ersten Blick gar nicht, auf den zweiten leider doch. Denn: Wenn wir von kultureller Vielfalt sprechen, dann sind damit nicht die vielen internationalen Künstler und Kreativen angesprochen, die nach Berlin ziehen. Der Fokus richtet sich vielmehr auf das gute Viertel der Berliner Bevölkerung, die einen anderen als den originär deutschen Hintergrund haben. In der jungen Generation liegt der Anteil noch weit darüber. Und es ist dieser Teil der Berlinerinnen und Berliner, den wir in unseren Kulturinstitutionen dramatisch unterrepräsentiert finden.

Warum sieht man die türkische Mittelschicht so selten im Theater?

Es gibt offenbar ein Teilhabe-Problem, das mehrere Dimensionen hat. Sicher gibt es Zugangsbarrieren, die ihre Ursache im Sozialen oder im Mangel an kultureller Bildung haben. Ich muss mir einen Theater- oder Museumsbesuch leisten können, und ich muss – vor allem als Kind und Jugendlicher – spezifische Erfahrungen mit Kunst und Kultur gesammelt haben, um kulturelle Bedürfnisse entwickeln zu können. Ohne die soziale Dimension kleinreden zu wollen, ist doch kaum vorstellbar, dass hierin die Hauptursache für die erwähnte Unterrepräsentanz liegt. Zum einen gibt es in Berlin zahlreiche Ermäßigungen und Programme wie das 3-Euro-Ticket, die einen Theater- oder Museumsbesuch auch für sozial Schwächere möglich machen. Zum anderen ist die migrantische Bevölkerung alles andere als sozial homogen. Und doch sieht man die türkisch- oder vietnamesischstämmige Mittelschicht in der Philharmonie oder im Deutschen Theater eher selten. Stärker schon dürften Defizite im Bereich der kulturellen Bildung ins Gewicht fallen. Aber auch dies ist ein Problem, das migrantische und nicht migrantische Kinder und Jugendliche gleichermaßen betrifft. In Berlin haben wir uns diesem Thema seit Jahren verstärkt zugewandt und ein Patenschaftsmodell entwickelt, das auf der Kooperation von Kitas, Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen mit Künstlern und Kultureinrichtungen aller Couleur basiert. Interessant ist, dass wir nach wenigen Jahren feststellen konnten: Kulturelle Bildung ist in einer multikulturellen Stadt wie Berlin per Definition interkulturelle Bildung. Die von Kids und Künstlern gemeinsam entwickelten Projekte aller Art spiegeln die kulturelle Vielfalt der Stadt erstaunlich gut wider. Das zeigt: Es geht. Und wie es auch im »etablierten Kulturbetrieb« geht, lässt sich beim Besuch einer normalen Schülervorstellung in einem der Berliner Kindertheater beobachten.

Woran aber liegt es, dass bei den Kinder- und Jugendtheatern, aber auch bei der Werkstatt der Kulturen so viele Besucher mit afrikanischen, asiatischen oder nahöstlichen Wurzeln zu sehen sind, bei den hoch subventionierten Museen, Theater, Oper hingegen nicht? Die Antwort ist einfach: Diese Menschen werden erst dann auch in diese Häuser strömen, wenn dort in irgendeiner Weise ihre Geschichten, Erfahrungen und Erlebnisse bearbeitet werden. Wenn sie sich selbst auf den Bühnen der Stadt als handelnde Figuren wiederfinden und nicht als Fremde oder Exoten, Karikaturen oder Stereotypen, an denen die »echten« deutschen (Helden-)Figuren sich abarbeiten. Oder wenn sie ihre Migrationsgeschichte als selbstverständlichen Teil deutscher Geschichte in deutschen Museen entdecken. Viel, wenn nicht alles hängt bei dieser Frage von der interkulturellen Kompetenz des (Leitungs-)Personals der Kultureinrichtungen ab.