Irgendetwas hatte Thomas le Claire stutzig gemacht, als ihm vor zwanzig Jahren eine deutsche Sammlerfamilie ein Aquarell vorlegte: Eine von hinten dargestellte Frau trägt ein Kind auf dem Arm und geht auf eine Brücke zu. Windgepeitschte Bäume säumen ihren Weg, die Frau drückt das Kind eng an sich. Etwas ungelenk wirkte das Blatt, aber nicht schlecht. Vor vielen Jahren, erfuhr Le Claire von den Besitzern, sei das Blatt einmal van Gogh zugeschrieben gewesen. 1930 habe es aber der Autor des Werkverzeichnisses zur Fälschung erklärt. Da sei wohl nichts zu machen.

Thomas le Claire aber, als Kunsthändler wie nur wenige seiner Kollegen auf Papierarbeiten spezialisiert, bat im Van Gogh Museum in Amsterdam um eine erneute Begutachtung und erhielt dort die Bestätigung: »Das Blatt zeigt zwar die üblichen Schwächen hinsichtlich Perspektive und Proportion, trägt aber deutlich die Handschrift van Goghs.« Im Dezember 1996 ließen es die Besitzer bei Christie’s in London versteigern – für 140.000 Pfund.

Dreißig Jahre ist es in diesem Frühjahr her, seit Thomas le Claire seinen eigenen Kunsthandel gründete. Vorher hatte der gelernte Diplom-Betriebswirt kurz bei Sotheby’s in München und London gearbeitet. Dort erzählte ihm ein Kollege, dass sich nur wenige deutsche Galerien auf Altmeister-Zeichnungen spezialisiert hätten. Zunächst handelte Le Claire im kleinen Stil, im November 1983 erschien dann der erste Katalog mit 75 Zeichnungen. Die junge Kunsthandlung mit Sitz an der Hamburger Elbchaussee präsentierte Handzeichnungen und Aquarelle des 16. bis 19. Jahrhunderts und verkaufte sie auch an Museen in den USA. Denn Le Claires wissenschaftlich fundierte Kataloge enthielten immer wieder Überraschungen: 2002 zum Beispiel Caspar David Friedrichs mit Sepia getönte Bleistiftzeichnung der Klosterruine von Eldena.

»Vor rund zehn Jahren gab es noch hervorragende Altmeisterzeichnungen«, erinnert sich Gerhard Kehlenbeck, der neben Gianna le Claire und Caroline von Kügelgen in der Galerie mitarbeitet. »Heute aber ist das Angebot an erstklassigen Blättern klein.« Außerdem habe es einen spürbaren Wandel im Sammlergeschmack gegeben: »Weil das tiefe Wissen um die Kunstgeschichte abnimmt, muss ein Werk heute direkt ansprechen. Deshalb ist die Farbe immer wichtiger geworden.« 2002 weitete das Unternehmen sein Angebot auf das Gebiet der Ölskizzen und Gemälde des späten 18. und 19. Jahrhunderts aus. Später folgten mit Ausstellungen etwa zu Gustav Klimt und Max Liebermann auch das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert.

In diesem Frühjahr nun hat Le Claire den 30. Katalog vorgelegt – zum Jubiläum erstmals mit einem Schwerpunkt auf Impressionismus und die frühe Moderne. Das mit 400.000 Euro teuerste Blatt – eine grandios moderne Pastell-Ansicht des Gemüsegartens am Haus seiner Eltern in Yerres von Gustave Caillebotte von 1877 – fand bereits einen Käufer. Andere sind noch erhältlich: ein Unterholz von Edgar Degas und die Spaziergänger am Strand von Deauville von Eugène Boudin etwa (beide Pastell, je 160.000 Euro), oder das Selbstbildnis, zeichnend von Ernst Ludwig Kirchner, das zuletzt 1979 in der Berliner Nationalgalerie zu sehen war (120.000 Euro). Neben der Signatur steht 1901, tatsächlich aber entstand das Blatt, wie der Katalog verrät, erst fünf Jahre später. Um die Rezeption seines Werks zu manipulieren, hatte Kirchner diese Arbeit zurückdatiert.