Warum ist Literaturkritik kein ganz steriles Geschäft, vergleichbar etwa der Qualitätsprüfung in der Nahrungsmittelindustrie? Weil man sich so schön aufregen kann. Weil man immer wieder aufstöhnt und es einfach nicht begreifen kann, was die klugen, gebildeten und erfahrenen Literaturkritikerkollegen da wieder an Lobesfloskeln und Preisungsphrasen vom Stapel gelassen haben. Wenn man in der Nahrungsmittelqualitätsprüfungsbranche die Ergebnisse der Kollegen in Zweifel zieht, dann versucht man, ihnen nachzuweisen, dass ihre Geräte veraltet oder ihre empirische Basis zu schmal gewesen ist. In der Literaturkritik hingegen denkt man über die Kollegen sogleich: Was ist denn mit euch los?! So seht ihr aus, dass ihr das in den Himmel lobt! Herrgott, mit euch Oberlangweilern will ich nichts mehr zu tun haben!

Wie der routinierte Leser schon vermutet haben dürfte, dient diese Einleitung als Einstieg für eine Absetzung von jenen Kollegen, die den neuen Roman von Felicitas Hoppe seit seinem Erscheinen in diesem Frühjahr in den höchsten Tönen gelobt haben und sich jetzt bestätigt fühlen dürfen, weil die Autorin von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Büchnerpreis geehrt worden ist.

Und zugegeben: Hätte Felicitas Hoppe den Büchnerpreis nicht bekommen, diese Rezension wäre weniger grundsätzlich ausgefallen, eher im Tonfall freundlicher Skepsis: Ja, kann man so machen, ist auch echt kunstvoll, sehr ehrenwerte Autorin, hat mich aber kalt gelassen. Doch dieser diplomatische Ausweg ist mir verbaut, weil dieser Roman, der für seine sprachspielerische Artistik gefeiert wird, zusammen mit seiner zum Teil hymnischen Rezeption gerade nicht mehr als L’art pour art verhandelt wird, sondern selbst den Charakter eines Manifests, eines literaturstrategischen »quod erat demonstrandum« angenommen hat. Dieser Roman mag mit großem Geschick Locken auf einer Glatze drehen, aber er tut dies in Wahrheit gar nicht um der Locken willen, sondern er ist Politik, Literaturpolitik: Er will das Drehen von Locken auf einer Glatze zum wahren poetischen Glaubensbekenntnis erklären. Er will all denen eine Lektion erteilen, die das eigene Berührtsein als einen legitimen Bestandteil des literaturkritischen Urteils auffassen. Also all denen ein Licht aufsetzen, die zum Beispiel sagen: Dieses Buch hat mich kalt gelassen. Weil die wahre Literatur nämlich – um dieses Dogmas willen betreibt Hoppe den ganzen Erzählaufwand – aus Buchstaben und Wortverknüpfungen bestehe und nicht aus existenziellen Erfahrungen. Dieses Sprachspiel, das Felicitas Hoppe betreibt, ist in Wahrheit Dampfablassen.

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich alle genuin literaturkritischen Debatten (also nicht: Grass und Israel ) immer um die Frage gedreht: Kunst oder Leben? Konstruktion oder Erlebnis? Form oder Inhalt? Künstlichkeit oder Authentizität? Von Maxim Biller über Volker Weidermanns Lichtjahre bis zu Helene Hegemann und Charlotte Roche arbeitete man sich an dieser unfruchtbaren Alternative ab, als gäbe es das eine ohne das andere. Als wäre es für ein ganzes, reiches Leben sinnvoll, sich für eine Seite zu entscheiden. Als hätte die Literatur nicht wie in des Vaters Haus viele Wohnungen. Als wäre es nicht völlig klar, dass Bücher aus Buchstaben bestehen, und als wäre es nicht ebenso offensichtlich, dass diese Buchstaben, je kunstvoller sie gesetzt sind, uns manchmal wahrer als das Leben erscheinen.

Dass ein Autor etwas erlebt haben müsse, um etwas zu sagen zu haben, wird zwar oft behauptet, ist darum aber noch lange nicht richtig. Die Literaturgeschichte kennt eindrucksvolle Gegenbeispiele (Pessoa zum Beispiel). Felicitas Hoppe hat jetzt ein Buch geschrieben, dessen einziges Kraftzentrum zu sein scheint, ein falsches Literaturverständnis zu exorzieren. Realismus und Psychologie werden aus dem Tempel vertrieben, und an deren Stelle tritt das sprachliche Spiel, das Zitat, die skurril-assoziative Fantasie, der Motivteppich und ein fiktionaler Schalk. Leider allerdings ein Schalk mit erhobenem Zeigefinger, als müsste Hoppe ihre eigene Position im literarischen Feld abstecken.

Dieser Roman heißt Hoppe, und in der Philosophie würde man die rhetorische Argumentationsfigur, nach der das Buch gebaut ist, eine reductio ad absurdum nennen: die Position des Gegners so zu überspitzen, bis deren Absurdität offenbar wird. Alle, so lautet die Prämisse von Hoppe, schreiben diese autobiografisch beglaubigten Romane, mit echtem Blut, mit echten Tränen, mit echtem Sperma, bei denen sich der Leser am wahren Leben weidet – das könnt ihr auch von mir haben, hier schreibe ich euch meine Autobiografie , und dann werdet ihr begreifen, dass der Schriftsteller, je häufiger er »ich« sagt, nur desto mehr lügt. Weil es in der Literatur nicht um die Wahrheit, sondern um die Einbildungskraft geht.