Wer ein echtes Anti-Euro-Buch erwartet, der wird enttäuscht werden. Kein flammendes Plädoyer für die Rückkehr zur D-Mark. Kein Pamphlet gegen Griechenland . Keine Hasstiraden auf Brüssel oder die Vereinigten Staaten von Europa . Es geht Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch Europa braucht den Euro nicht tatsächlich meist um die Frage, ob das europäische Projekt die gemeinsame Währung braucht, aber er riskiert weder ein simples Ja noch ein Nein. Natürlich wäre Sarrazin nicht Sarrazin, wenn er dem ökonomischen Traktat nicht auch die eine oder andere polemische Spitze beimischen würde. Kostprobe: »Im Durchschnitt kann man sagen, dass finanzielle Solidität in Europa traditionell umso ausgeprägter war und ist, je sonnenärmer das Klima ist und je länger und dunkler der Winter.« Das klingt selbst für Sarrazin seltsam verschwurbelt und taugt sicherlich nicht zum Parteiausschlussverfahren.

Das neue Buch ist trocken, und wirklich überraschend ist das nicht. Ehe Thilo Sarrazin zum Berufspopulisten wurde, war er ein sehr erfolgreicher Technokrat. In den Jahren vor Deutschland schafft sich ab tourte der damalige Berliner Finanzsenator oft mit einem Satz PowerPoint-Folien durch die Szene der deutschen Fiskalföderalismusexperten (ja, es gibt so etwas) und konnte sich stundenlang, meist gänzlich spaßfrei, über die degressive Ausgestaltung der Sonderbedarfs-Bundesergänzungszuweisungen auslassen oder über die sekundäre Verteilung der Feuerschutzsteuer nach indikatorgestütztem Schlüssel. Sarrazin – ein Meister der langweiligen Fakten und Zahlen: Das war einmal sein Markenzeichen.

In diesem Sinne bedeutet das neue Buch eine Rückbesinnung auf alte Werte. Was auf den fast 500 Seiten an ökonomischen Details und juristischen Feinheiten referiert wird, suggeriert die Substanz wissenschaftlicher Fachgutachten – und liest sich dementsprechend. Die wirtschaftshistorischen Ausholgesten reichen weit; die Fülle an Fachvokabular entspricht enzyklopädischem Niveau. Wenn Sarrazins Deutschland schafft sich ab ein als Technokratenbuch getarntes Pamphlet war, dann ist Europa braucht den Euro nicht ein als Pamphlet getarntes Technokratenbuch. Ich fand es einfach nur langweilig.

Nun ist es einem guten Sachbuch gerade bei komplexen Themen nicht vorzuwerfen, wenn es das Vieldeutige dem Eindeutigen vorzieht. Doch Sarrazin steht gern für Eindeutigkeit. Und er weiß das. Deshalb ist er in seinen Interviews deutlich schärfer als in seinen Büchern. Und genau deshalb muss das Buch sehr aufmerksam gelesen werden. Denn wer sich leichtfertig auf den Treibsand der Faktendemonstration begibt, wird viel zu spät merken, dass Sarrazin gar nicht erst bemüht ist, eine solide wissenschaftliche Demonstration zu konstruieren, sondern immer strategisch klug auf sein rhetorisches Ziel hinarbeitet: Europa braucht den Euro nicht.

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sarrazins Buch würde dementsprechend negativ ausfallen. Sarrazin beherrscht das Handwerk des Populisten wie kein Zweiter: Faktentiraden und Zahlenkolonnen lullen den Leser ein. Wer bei der Lektüre den Faktencheck versucht, muss auf die Ebene der Haarspalterei herabsteigen. Genau das will der Autor. Denn wer sich erst einmal auf die Zahlendebatte einlässt, der erkennt den Populisten als Experten an.

Andererseits ist Zahlenpedanterie dringend notwendig, denn nur sie legt die Schwächen der Argumentation offen. Beispiel: Eine der zentralen Thesen der Arbeit lautet, der Euro habe den »Nord-Ländern« im Euro-Raum keine Vorteile gebracht, den »Süd-Ländern« (zu denen auch Frankreich gehört) aber massiv geschadet. Das Argument an sich ist eher originell. Es vermeidet taktisch klug das offene Club-Med-Bashing oder auch die Stammtischthese, mit der D-Mark sei in Deutschland alles besser gewesen.

Faktencheck? Sarrazin erklärt, dass das reale BIP pro Kopf in Frankreich 1999 noch um 15 Prozent über dem EU-Durchschnitt lag, 2010 aber nur noch um acht Prozent. Sarrazins Fazit, im Buch fett gedruckt: »Als sicher kann aber gelten, dass die gemeinsame Währung bis jetzt das Wohlstandsniveau in Frankreich ... keinesfalls positiv, sondern eher negativ beeinflusst hat.« Dieses Fazit, das im Buch die zentrale These maßgeblich stützt, ist schlichtweg falsch. Wissenschaftlich ehrlich wäre es, zu sagen: Wir wissen nicht, wie Frankreich sich ohne den Euro entwickelt hätte. Wer mehr zeigen will, der muss einen viel detaillierteren Indizienprozess führen und zumindest auf die naheliegenden Fakten Bezug nehmen. Sarrazins Beispiel hätte auch so aussehen können: Frankreichs BIP pro Kopf ist zwischen 1999 und 2010 um reale 1,5 Prozent jährlich gestiegen. Das entspricht genau dem Durchschnittswert des gesamten Euro-Raums und ist besser als der Wert Deutschlands (1,22 Prozent). Hat der Euro Frankreich also wirklich geschadet? Natürlich sind solche Zahlenspiele immer selektiv. Aber es gibt im Buch viele dieser selektiven Gerade-noch-Wahrheiten. Zu viele.