Im Anfang war der Hirsch. Sie jagten ihn, schlachteten, brieten und verspeisten ihn. Die Feuerstelle ließen sie zurück, Steinwerkzeug, verkohltes Holz, das Geweih. Denn das Erste, was der Mensch produzierte – und mutmaßlich auch das Letzte, was er produzieren wird –, ist Müll (anthropologische Konstante). Der Hirsch starb vor 240.000 Jahren, seine versteinerten Reste wurden im Stuttgarter Bezirk Bad Cannstatt gefunden. Wer diese Urmenschen waren, die ihn gejagt und verschmaust, die dort noch einige Jahrtausende vor den Neandertalern gelebt haben, kann nur vage konstruiert werden. Eines aber lässt sich mit Bestimmtheit sagen: Es waren die ersten Württemberger.

Mit diesem Fund beginnen die Kuratoren des Landesmuseums in Stuttgart ihre große Erzählung: die neue Dauerausstellung im Alten Schloss, die an diesem Wochenende eröffnet wird. Sie hat tatsächlich die ganze Chronik im Blick und führt den Besucher durch alle Ewigkeiten vom Urmenschen bis zum Spießbürger des 19. Jahrhunderts – in einem einzigen Rundgang, ohne abzusetzen.

Dabei behauptet sie natürlich keine Kontinuität. Ganz im Gegenteil: Sie betont die Brüche und Sprünge der Geschichte, die rätselhaften Verwerfungen, Sackgassen und Kehrtwenden. Sie erzählt von den vielen Zeiten in der Zeit, von den Religionen und Zivilisationen. Denn ob Württemberg sich heute nun zur teutschen Leitkultur bekennt oder nicht, seine Vergangenheit ist so multikulturell und -ethnisch wie fast jede in Deutschland und Europa. Global, ach ja, war diese Welt schon immer.

Der Ort ist für dieses Unternehmen ideal. Das Alte Schloss in Stuttgarts Innenstadt wurde etliche Male umgebaut, zerstört und wieder aufgebaut. Ausgrabungen im tiefen Keller führen zurück bis in karolingische Zeit. Erst in den späten Sechzigern des nunmehr vergangenen Jahrhunderts zog das Landesmuseum hier ein.

Das Institut selbst ist um einiges älter. Dieses Jahr feiert es den 150. Geburtstag: eine typische Gründung des 19. Jahrhunderts, zur Stärkung der nationalen Identität Württembergs. Teils Kunst- und Kunstgewerbe-, teils Volkskunde- und Technikmuseum, wurde es zum kulturhistorischen Gedächtnisspeicher des Landes. Dazu hütet das Haus weitere separate Sammlungen, die herzogliche Kunstkammer ebenso wie einen Schatz früher Prunkuhren oder die fantastische Glaskollektion Ernesto Wolf. Insgesamt fast eine Million Objekte. Wer da die gesamte Geschichte des Landes von der Urzeit bis zum Ende des Königreichs auf zweieinhalbtausend Quadratmetern darstellen will, der muss geradezu eiskalt & knallhart auswählen.

Das ist den Kuratoren um Direktorin Cornelia Ewigleben glänzend gelungen. Sie haben die Ausstellungsstile der letzten Jahrzehnte – die textschwere Didaktik der Siebziger, die Inszenierungswut der Achtziger, die Powerpoint-Ästhetik der Neunziger, den Vernetzungsfuror der frühen Internetzeit – hinter sich gelassen und ihren eigenen Pfad gesucht. Prüfet alles, und das Beste behaltet! Die Stuttgarter vertrauen ganz den Objekten. Doch wissen sie auch, dass man diese mit präzisen Erläuterungen zum Sprechen bringen muss. Und wie eine behutsame Innenarchitektur alles glücklich miteinander verbinden kann.

Tanja Hammerl hat sie entworfen, unaufdringlich pointierend gliedert sie die Epochenräume. Hinzu kommt die Technik der fast 500 Schaukästen und Großvitrinen, in denen die Fibeln und Diademe, die Masken und Dolche mittels einer raffinierten Aufhängung und Lichtführung gleichsam zum Schweben gebracht werden.

Die Texte erläutern, und sie ergänzen Weltgeschichte. Doch die über tausend Objekte sind es, die erzählen. Und an spektakulären historischen Reliquien und archäologischen Sensationen herrscht kein Mangel. Dazu zählt jenes winzige Mammut aus Elfenbein, das 2006 in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb gefunden wurde. Was immer es war, ob ein Talisman, ein Spielzeug oder ein Kultbild, und wer immer es schuf – ein Jäger, ein Magier, eine Mutter für ihr Kind –, es ist ein Wunderwerk. An dieser Tierfigur ist alles ausgebildet an harmonischer Form und kraftvoller Konzentration, was dann über die Jahrtausende zur Weltkunst wurde. Der staunende Besucher vergisst fast, im Raum »Steinzeit – die frühen Kulturen« zu stehen. Wie ließe sich eindrucksvoller und zugleich beiläufiger belegen, dass der Mensch immer anders war und sich doch immer gleich blieb, als mit solch einem Meisterstück!

Wir sehen verwegenen Schmuck aus der Bronzezeit und in jenem Saal, der in die Jahrhunderte unmittelbar vor unserer Zeitrechnung führt, keltische Kostbarkeiten wie die große Stele von Holzgerlingen. Eine unheimliche Steingestalt blickt uns da an, durch uns hindurch, in der wir Heutigen einen Engel entdecken oder einen Teufel.

Dann ein neuer Einschnitt, Bruch und Zivilisationssprung zugleich: die römische Herrschaft. Drei Jahrhunderte währt sie, bringt Krieg ins Land, aber auch Technik und Stoffe ferner Länder, fremde Künste und Religionen. Eine ganze Wand mit Fragmenten von Götterstandbildern und Altären preist den bunten Himmel des Weltreichs.