Oskar Lafontaine wirft hin, zum zweiten Mal in seinem Leben. Sein Angebot an die Linke, die Partei noch einmal in den Bundestagswahlkampf zu führen und darüber hinaus, habe nicht zur Befriedung geführt, im Gegenteil. Nun mache er Platz für einen Neuanfang.

Aber es war eben kein wirkliches Angebot, das er den Genossen gemacht hat – oder höchstens eines von der Sorte, die man nicht annehmen kann. Ganz oder gar nicht, so lautete seine Forderung. Eine Kampfkandidatur gegen Dietmar Bartsch lehnte er ab; das sei "nicht die Krönung meines Lebenswerks". Stattdessen verlangte er von Bartsch, der sich bereits im vergangenen November erklärt hat, den Verzicht auf die Kandidatur. Der Achtundsechzigjährige wollte nicht nur die totale Unterwerfung der Ostdeutschen, quasi die Eier von Dietmar Bartsch im Glas, sondern dazu noch die Verfügungsgewalt über die Fraktionsspitze, die Geschäftsführung, die Stellvertretung, das Programm und so weiter. Wenn er nicht alles haben kann, wendet er sich eben ab. Soll sie doch untergehen, seine Partei.

Aber das Elend der Linken ist größer als das Drama des Oskar Lafontaine . Für die Lage seiner Partei hat ihr Vorsitzender, Klaus Ernst , ein Bild, das so hässlich ist wie vieles, was sich die Genossen dieser Tage antun. Er hat es am Sonntagmorgen mitgebracht zur Regionalkonferenz in Stuttgart-Untertürkheim, zwei Wochen vor dem Göttinger Parteitag, auf dem endlich die quälende Führungsfrage entschieden werden soll. "Man muss sich ein Schwimmbecken vorstellen, in das so lange reingepinkelt wird, bis es stinkt", ruft Klaus Ernst also in die Halle, unter heftigem Applaus. "Und die Pinkler stehen auf dem Dreimeterbrett und lassen sich beklatschen." Nun wird er wohl mitklatschen müssen. Die "Pinkler" haben gewonnen.

Die Erklärung, die der traditionalistische Teil der Partei – nennen wir sie die "Leninisten" – für das Elend der Linken hat, lautet: Die Partei ist in der Krise, weil sie streitet. Dabei streitet sie, weil sie in der Krise ist. Je häufiger Funktionäre ausrufen: "Die Linke wird gebraucht in Deutschland", desto offenkundiger wird das Gegenteil. Die Linke ist zuletzt aus zwei Landtagen geflogen, ihre Umfragewerte haben sich in eineinhalb Jahren halbiert; im Osten sterben ihre Anhänger einfach weg. Für die Leninisten lautet die Antwort: mehr vom selben. Wir allein gegen den Rest der Welt. Neidisch blicken sie nach Griechenland, wo die Linke gerade die EU zur Implosion bringt; nach Frankreich zum Kommunisten Jean-Luc Mélenchon, der getan hat, was auch sie hier als ihre Aufgabe sehen: die Sozialdemokraten vor sich herzutreiben.

Oskar Lafontaine ließ durch Klaus Ernst seinen Unwillen übermitteln

Der Landesverband Baden-Württemberg ist eine ihrer Hochburgen. An den Lederwesten und den ergrauten Vokuhila-Haarschnitten erkennt man die Ex-Gewerkschafter, die in den Pausen noch von den Streiks der "Metallis" bei Daimler in den achtziger Jahren träumen. Damals hat der Gewerkschafter Klaus Ernst hier mit dem Megafon aufgebrachte Ausgesperrte beruhigt, "Schlangenbeschwörung" nennt er es. Damals hatte er eine gute Zeit, da hat niemand über ihn gelacht. Hier ist Lafontaine-Country, aber Lafontaine ist nicht da. Er schickte Klaus Ernst.

So hat es lange funktioniert in der Linken. "Der Oberlimberg spricht", hieß es immer, nach Lafontaines früherem saarländischem Wohnort, wenn er über Klaus Ernst seinen Ärger über Fehlentscheidungen in Berlin übermitteln ließ. Drohen, lächerlich machen, demütigen, abkanzeln. Lange haben die "Verräter" dann stillgehalten, bitter grummelnd, aber auf Linie.

Auch am Dienstag vergangener Woche, dem traumatischen Höhepunkt der Führungskrise, sollte es so laufen. Mittags hatte der Gewerkschafter Klaus Ernst die Angestellten der Parteizentrale im Berliner Karl-Liebknecht-Haus noch angebrüllt, wer sich nicht hinter Oskar als künftigen Parteivorsitzenden stelle, könne sich nach dem Parteitag einen neuen Job suchen. Am Nachmittag hat dann Lafontaine selbst den Gegnern die Instrumente gezeigt. Er nahm sich die aufmüpfigen Landesvorsitzenden vor, einen nach dem anderen. Aber nicht direkt, sondern immer mit Nachnamen und "der", auch wenn sie direkt neben ihm saßen. "Der Gallert, hoho, das ist doch ein ganz gewiefter Bursche; und erst der Liebig, der nervt mich schon lange mit seiner Wichtigtuerei."