»Der Narbe lacht, wer Wunden nicht gefühlt«, deklamiert William Shakespeares Romeo auf der Bühne. Eine ausgewachsene Narbe sieht nicht nur hässlich aus, könnte der moderne Arzt bestätigend antworten, sie kann sogar äußerst schädlich sein.

Vor allem im Inneren des Körpers kann wucherndes Narbengewebe die Regenerationsversuche des Organismus zunichte machen. Zwar helfen Narben, fürs Erste grob den Schaden zu reparieren, aber oft lassen sie lädierte Organe zurück. Nach einem Herzinfarkt sorgen winzige Narbenstränge mitunter für unregelmäßigen Herzschlag und schlechte Pumpleistung. Die Leber, sonst ein Meister der Regeneration, ist in Gefahr, wenn Narbengewebe gesunde Regionen vom Blutfluss abschneidet. Besonders gefährdet durch das Reparaturgewebe ist das Nervensystem. Wollen – etwa nach einem Fahrradunfall – gerissene Nervenenden wieder zarte Bande knüpfen, werden sie oft brutal von Fibroblasten daran gehindert, die sich, Kollagen bildend, ins traumatisierte Gebiet drängen.

Schon seit Jahren versuchen Ärzte deshalb, die subversiven Reparaturen des Körpers zu kontrollieren. Einer der jüngsten Vorstöße gilt der möglichen Behandlung von Schlaganfällen. Denn auch das Gehirn reagiert nach einer andauernden Unterbrechung der Blutversorgung mit Narbenbildung. Das Ergebnis: Unverletzt gebliebene Gehirninseln verlieren den Kontakt untereinander. Oft sind die Folgen eines Schlages daher gravierender, als sie sein müssten.

Wenigstens im Tierversuch ist es Neurowissenschaftlern vom Buck Institute für Altersforschung in Fort Worth jetzt gelungen, vernarbtes Gewebe nach dem Schlag zurückzudrängen. Im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences beschreibt Justin Hill, wie er in die künstlich geschädigten Gehirne von Ratten entweder das Enzym Chondroitinase ABC oder das Eiweiß Glypikan spritzte. Durch beide Substanzen verkleinerten sich die Narbenareale. Die Tiere waren nach der Behandlung kräftiger und konnten sich wieder koordinierter bewegen. Die Substanzen hatten offenbar nicht nur Narbengewebe aufgelöst, sondern auch das Nervenwachstum angeregt.

Das Interessante an dem Experiment ist der gänzlich neue Ansatz auf einem Gebiet, auf dem die Durchbrüche rar gesät sind. In der Praxis aber hat die Therapie noch erhebliche Tücken. Mit Chondroitinase arbeiten Neurowissenschaftler im Tierversuch schon seit Jahren, vor allem bei künstlich erzeugten Rückenmarksverletzungen. Das Enzym kann sogenannte Chondroitinsulfat-Proteoglykane abbauen, welche die Regeneration der Nervenfasern hemmen. Aber was im Tierversuch vielversprechende Erfolge zeitigt, ist am Menschen noch nicht eingesetzt worden. Aus gutem Grund.

Denn der Kampf gegen die überschüssige Narbenbildung mit Gewebefaktoren kann Nebenwirkungen haben. Der Körper bildet das Reparaturgewebe schließlich nicht aus grobem Unfug. Eine solide Narbe kann zum Beispiel die mechanische Stabilität des Gewebes bewahren. Gerade erst haben Forscher vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin entdeckt, dass das Eiweiß GDF15 Entzündungsvorgänge und damit Narbenbildungen nach einem Herzinfarkt bei Mäusen eindämmen kann. Doch dafür ließ der Faktor die Herzen der Tiere aufbrechen.

Sowohl für das Herz, die Leber und jetzt auch das Gehirn versuchen sich die Wissenschaftler inzwischen als Narben- und Regenerationsdirigenten. Ihre Instrumente: ein Sortiment von Gewebshormonen und Enzymen. Dass grundsätzlich Eingriffe in dieses Orchester ohne Schaden möglich sind, zeigten erste klinische Versuche in Zürich mit Querschnittsgelähmten. Das eingesetzte Therapeutikum hat den wegweisenden Namen: Anti-Nogo-Antikörper.