Das Berliner Bauhaus-Domizil sieht aus, als könne es abtauchen, wenn es ihm in der aufgehübschten Gegend südlich des Tiergartens nicht mehr passt. Die Pläne für das vor bald 40 Jahren errichtete Archiv und Museum zeichnete noch der legendäre Bauhaus-Begründer Walter Gropius (1883 bis 1969). Die weißen Baukörper muten wie Schiffsdeckaufbauten an. Ein hoher Mast in Regenbogenfarben grüßt die Besucher.

Das Gropius-Spätwerk, das Max Bill nach der Fertigstellung wenig freundlich als »verkorkstes Alterswerk« bezeichnete, ist Museumshülle und zugleich Ausstellungsstück. Ein geschwungener »Walkway« – einzig dazu da, Besuchern eine genaue Sicht auf die architektonische Sehenswürdigkeit zu eröffnen – unterstreicht das. Den Eingang des bescheiden dimensionierten Museums muss man erst mal suchen. Im Ausstellungsraum, dessen Oberlichter aus konservatorischen Gründen abgedunkelt sind, steht die Zeit still. Hier, in dieser Museumsoase, ist Moderne nicht internationale Betonbanalität im Megamaßstab, sondern ein euphorischer Möglichkeitsraum. Einen Vormittag oder Nachmittag lang kann man hier anhand von Designstücken, Architekturmodellen, Zeichnungen und Malerei zu den Wur-zeln der Moderne vordringen. Besucher werden gewissermaßen in den berühmten Bauhaus-Vorkurs eingeschult. Im Eintrittspreis inbegriffene Audioguides in sieben Sprachen, darunter Japanisch und Chinesisch, helfen, die Philosophie der Bauhaus-Meister zu begreifen und eine Vorstellung der 1919 eröffneten und 1933 zwangsgeschlossenen Reformschule mit Stationen in Weimar, Dessau und Berlin zu gewinnen. Mehr als 100.000 Menschen finden jährlich den Weg ins Bauhaus-Museum, darunter viele junge Leute aus dem Ausland.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entsteht in der Töpferwerkstatt hellgrau und schwarzbraun glasiertes Mokkageschirr mit flötenartigen Ausgüssen, und die Weberin Otti Berger nimmt mit einer schrill orangefarbenen »Flügeldecke« Ende der zwanziger Jahre die Optik der siebziger Jahre vorweg. Allerdings starben Flügeldecken wohl noch in der Weimarer Republik aus. Mit ihnen bedeckte man Klaviere, um den schwarz glänzenden Lack vor Abdrücken von Blumenvasen zu schützen, die man just auf den empfindlichen Instrumenten zu platzieren pflegte.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Nie mehr war die Moderne so schwerelos wie damals – und so sehr im Gleichgewicht. Das gilt für die klassisch anmutende Ausgewogenheit von Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon (Modell und Zeichnungen finden sich in der Berliner Sammlung) ebenso wie für die Freischwinger Marcel Breuers. Die logische Weiterentwicklung sah der Stuhldesigner in Luftsitzen. »Es geht mit jedem Jahr besser und besser«, notierte er. Am Ende sitze man auf einer »elastischen Luftsäule«.

Welch feierwütige, anarchische Schar die Bauhäusler waren, wird nur am Rande angedeutet. Auf Kostümfesten tanzten Meister und Schüler Charleston. Kandinsky kam als Antenne, Itten als amorphes Ungeheuer, Gropius als Le Corbusier, Feininger als zwei rechtwinklige Dreiecke und Muche als ungewaschener Prophet.

Wäre nicht vor ein paar Jahren der verschollen geglaubte Afrikanische Stuhl von Breuer aufgetaucht, würden Museumsbesucher wahrscheinlich nach Hause entlassen, ohne etwas von esoterischen und biosophischen Spleens der Moderne-Propheten zu erfahren. Im Audioguide ist vom »Hochzeitsstuhl« die Rede. Es gibt aber auch die Vermutung, es habe sich dabei um eine Art Häuptlingsstuhl für ritualverliebte Bauhaus-Meister gehandelt.

Fast scheint es, als wolle Berlin diese Kapitel Weimar überlassen, das 2015 sein Bauhaus-Museum in einem großzügigen Neubau wiedereröffnen wird. Und auch Dessau leistet sich einen Museumsneubau. 2019, anlässlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums der Reformschule, soll Eröffnung sein. Die weltweit größte und reichste Bauhaus-Sammlung aber befindet sich in Berlin – zu sehen ist allerdings nur ein Bruchteil.

Allein mit der Sammlung von Möbeln, darunter etliche Stücke aus den Meisterfamilien, könnte die bestehende Fläche gefüllt werden. Das Dokumentenarchiv erstreckt sich inzwischen auf über 140 Laufmeter. Und 70.000 Fotografien könnten von der kurzen Blütezeit einer Kunst und Alltag umspannenden Utopie erzählen, schlummerten sie nicht in Depots.