Dass ihm das Glück nimmer, nimmer blühen könne, klagt der Sänger, der fahrende Geselle, nachdem er doch so froh aufbrach. Gustav Mahler hat das "nimmer" nicht von ungefähr wiederholt, zur Besiegelung der Vergeblichkeit. Er will es weiten. Es steckt ein "immer" im "nimmer", und der es entdeckte, war kaum älter als Mahler, da er es komponierte. Schmerz wird Schmelz, wenn er singt. Man sieht übers Feld in diesen vier sanft sinkenden Silben und Tönen, die nun selbst blühen wie das unerreichbare Glück. Sie scheinen die Distanz zu ermessen, von allen Farben zu künden, die es bis zum Horizont und dahinter gibt, sie lassen aber auch die Konturen der Worte so genau hören, dass man ihnen zusehen kann, wie sie in der Welt aufgehen.

Es gibt Begabungen mit einem Überschuss, dem keine Erwartung gewachsen ist. Zufälle der Natur, die Glücksfälle der Kunst werden und oft nur Zwischenfälle bleiben, weil die Begabten zu zerbrechlich oder die Umstände gegen sie sind. Der Sänger, der den jungen Mahler verstand wie keiner vor und nach ihm, war kein Zwischenfall. Als Dietrich Fischer-Dieskau 1952 die Lieder eines fahrenden Gesellen aufnahm, lag sein erster Liederabend schon fünf Jahre hinter ihm. "Sie werden kein Jahr mehr singen, kein Jahr!", hatte ihm nach einem Auftritt ein Gesangspädagoge zugerufen, wohl fassungslos darüber, wie ungefesselt hier eine junge Stimme strömte, vielleicht auch verstört durch die Intelligenz, mit der der Jüngling den Worten nachging und anhing.

Seine Mutter war Pianistin und wäre gern Opernsängerin geworden. "Sie hat so rührend piepsig gesungen, dass ich mir schon als kleines Kind gedacht habe, so geht das auf keinen Fall, das muss anders sein." Geboren am 28. Mai 1925 in Berlin, zeigte er seine Begabung sehr früh. Weil er aber der Sohn eines Oberstudiendirektors war, kam zur Leidenschaft die Haltung, die Prüfung, eine Art musikalischer Philologie, die andere in Distanz hätte erstarren lassen, diese Begabung aber fokussierte – und demütig bleiben ließ. Was nicht so einfach ist, wenn einer mit 23 Jahren die ganze Winterreise von Franz Schubert für den Rias aufnimmt und in der Oper als Marquis Posa debütiert.

Viel Konkurrenz gab es freilich nicht im kaputten Berlin der Nachkriegsjahre. Das wäre aber für Wilhelm Furtwängler kaum ein Grund gewesen, sich von diesem jungen Mann zu einem Komponisten überreden zu lassen, dem er immer ausgewichen war, nämlich Gustav Mahler. Die Aufnahme des Fahrenden Gesellen ist auch deswegen so überwältigend, weil man merkt, wie sich Furtwängler über seinen Horizont reißen lässt, wenngleich in gesetztem Zeitmaß. Was an Pathos entstehen und beschweren könnte, wird vom jungen Bariton und vom Orchester in Weite verwandelt. Furtwängler muss bei Fischer-Dieskau jenes emphatisch Persönliche wahrgenommen haben, das sich auch Nichtmusikern mitteilt und ungeübten Hörern. Eine Stimme ohne Brüche, die doch von allen Brüchen zu wissen scheint.

Ohne diese Eigenschaften wäre es Dietrich Fischer-Dieskau kaum gelungen, intimster Kunst ein riesiges Publikum zu gewinnen. Das Lied, das "Kunstlied", war vor ihm etwas für kleine Zirkel, nichts für Karrieren. Dass man es "pflegte", sagt genug. Nun wurde es zum Heilmittel. Aufgewachsen in der Stadt, die zwölf Jahre lang die Hauptstadt des Grauens gewesen war, erschien ein Orpheus und machte die zerbrechlichsten Empfindungen und Erfindungen der Romantik lebendig – wobei gerade die "klassische" Kontrolle und Stabilität dieses Goethe-Verehrers mehr offenlegte als unterschlug. Bald war er weltweit der Sänger schlechthin. Selbst Patricia Highsmiths Mr. Ripley sammelt Platten des Barden, die er nach seinen Morden in New York zur Entspannung auflegt...

4.800 Tonaufnahmen gibt es von FiDi. Diese Zahl steht im Kontrast zur Subtilität, die dahinter zu finden ist, schon in der legendären ersten Winterreise mit Klaus Billing am Klavier, 1948, der ersten seiner etwa dreißig Aufnahmen und Mitschnitte des Zyklus. Er singt, bei allem Kern, als habe er ein bisschen Angst vor dem, was in den 24 Liedern mit ihm geschehen könnte. Und was will die Krähe, die mit ihm aus der Stadt zieht? Eine Ahnung von Hilferuf zieht sich durch die Töne. Als Fischer-Dieskau dasselbe Lied 23 Jahre später mit Gerald Moore aufnimmt, geht er auf noble Distanz, schönt es ins Legato: "Eine Krähe war mit miiirrraus der Stadt gezogen..."