Denkwürdig an den Gründergestalten des modernen Pop ist die Erkenntnis, dass sie es unter heutigen Bedingungen niemals mehr nach oben schaffen würden. Zu klein, zu dick, zu dünn, zu schmächtig: Nach geltenden Maßstäben schleppen sie einfach zu viel überschüssigen, nur gewaltsam kompatibel zu machenden Charakter mit sich herum. Die Stars der ersten Stunde sind inzwischen Dinosaurier: Als Übriggebliebene einer Ära, in der das Stromlinienförmige noch nicht ins Zentrum der Imagebildung gerückt war, stehen sie inmitten einer Landschaft herum, für die sie nicht gemacht sind – und werden doch gerade deshalb geliebt.

Bei Robin Gibb war es dieser gigantische Überbiss, der sich als Erstes mitteilte: ein Gesicht, das nur aus Zähnen zu bestehen schien. Doch das war nicht nur geduldet, sondern ein Alleinstellungsmerkmal gegen Mitte der Sechziger, als die Bee Gees, in England geboren, aber aus Australien kommend, die Szene betraten. Sie waren nicht so gewitzt wie die Beatles, nicht so wild wie die Stones, aber sie konnten singen, wie es in dieser Form vielleicht nur Blutsverwandte hinbekommen. Die Bee Gees waren die Brothers Gibb, ein Familienbetrieb, zu dem neben Robin Bruder Barry und Bruder Maurice gehörten. Und auch wenn Robin nicht als Schönster durchging, so war er doch eindeutig der Talentierteste.

Keiner sang so chorknabenhaft süß, keiner schrieb eingängigere Melodien, keiner harmonierte so wunderbar mit den anderen, dem bärigen Barry und dem unscheinbaren, am allerwenigsten popstarförmigen Maurice. Im Ensemble ergab das das Bild einer Band von Schwiegersöhnen: zu nett, um Kult zu sein. Zugleich allerdings wirkte alles an diesem Gespann auf eine schwer zu benennende Weise exaltiert. Ihr Outfit: wie aus einem Film über die Sechziger. Stücke wie Massachusetts oder Spicks And Specks: protestantisch in der Anmutung, melodramatisch im Abgang. Während rings um sie herum die Welt in Aufruhr geriet, brachten Robin und seine Brüder ein Kunststück fertig, das ihnen niemand in der weiten Arena des Pop nachmachte: Sie waren angepasst, ohne dabei durchschnittlich zu wirken.

Das Geheimnis lag in der Berufsauffassung: Obwohl der Aufstieg der Brothers Gibb in die heroischen Sechziger fiel, waren sie keine Revoluzzer, sondern Entertainer alten Schlags. Nie wäre es ihnen in den Sinn gekommen, ihr Publikum leichtfertig zu verprellen, dazu waren sie viel zu sehr einem antiquierten Ideal der Showmanship verpflichtet: Man muss den Leuten geben, was sie wollen. Ihr Leistungsethos stand nicht nur quer zum restlichen, Sex, Drogen und anderen Zeiterscheinungen huldigenden Personal, es verbindet sie mit ähnlich gelagerten Schaustellerfamilien, den Beach Boys und den Jackson Five. An Erstere erinnert die Neigung, gesanglich das Beste aus der Zwangssituation herauszuholen. Mit Letzteren, neben einem despotischen Vater, die Strategie, Elemente schwarzer Musik mainstreamtauglich aufzubereiten. Über allem jedoch stand das Gebot der Unterhaltsamkeit.

Ein einziges Mal nur rief das Trio offenen Widerstand hervor, 1977, als sie in wurstpellenengen weißen Hosen das Saturday Night Fever begleiteten. Der im Falsett vorgetragene Soundtrack zum gleichnamigen Film brachte ihnen den Ruf singender Schwuchteln ein. Eine Saison lang waren die braven Bee Gees, zumindest in den Augen der Kritik, the band you love to hate. Heute weiß man, dass es sich um einen historischen Irrtum handelte: Im Grunde war das eine Art Punk mit anderen Mitteln, ein Aufstand des Synthetischen gegen die hohl gewordenen Echtheitsversprechen der Sechziger. Inzwischen gilt Disco nicht nur als Vorläufer der Clubkultur, wie wir sie seit den Neunzigern kennen, sondern als Begleitsound der Schwulen- und Frauenemanzipation – mit den Bee Gees als Pionieren.

Von da an stand der Heimholung ins Pantheon der schönen Popkünste nichts mehr im Weg. Den Bee Gees sind sämtliche Salbungen zuteil geworden, mit denen Veteranen für ihre schwindenden Kräfte belohnt werden, von der Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame bis hin zur Verleihung eines Verdienstordens für ihr Lebenswerk durch Queen Elizabeth II ., sie haben Songs für Barbra Streisand geschrieben und wurden ehrfürchtig von Take That gecovert. Ihrer Bedeutung als erfolgreichste Bruderhorde aller Zeiten tat auch der Umstand keinen Abbruch, dass es sie, nach diversen Trennungen und gefeierten Comebacks, seit 2006 nicht mehr gibt, womit Bruder Robin endgültig auf sich selbst gestellt war. Bemerkenswert allerdings, dass er auch als Solokünstler ein echter Charakterdarsteller blieb.

Wenn es ein neues Album zu verkaufen galt, war er sich nicht zu schade, auf seine alten Tage die Ochsentour durch Samstagabendshows zu machen. Zugleich hegte er unzeitgemäße Ideen wie die Errichtung eines Denkmals für die Männer der Royal Air Force, die einst Dresden und Hamburg zerbombten. Durch nichts allerdings, weder durch Scheidungen, Familienzwiste noch durch eine öffentlich gemachte Suchterkrankung, war er in seinem Schaffensdrang zu stoppen. Selbst der Tod von Zwillingsbruder Maurice, den 2003 ein Darmtumor dahinraffte, warf ihn nur kurzfristig aus der Bahn. Ein echter Entertainer kann nicht anders. The show must go on!  

Zuletzt, selbst unheilbar an Krebs erkrankt, arbeitete er noch fieberhaft an einem Requiem zum 100. Jahrestag des Titanic- Untergangs , einem Werk, das er zusammen mit seinem Sohn Robin John realisierte. Es ist ein Totengesang geworden, düster dräuend, hollywoodesk in der Note, mit lateinischen Passagen, die unter dem Beistand des Royal Philharmonic Orchestra passgenau im Triumph der Erlösung gipfeln. Die Uraufführung hat er selbst nicht mehr erlebt. In der Nacht zum Montag ist Robin Gibb im Alter von 62 seiner Krankheit erlegen.