Wie oft kommt es vor, dass ein Unternehmenschef bei einer Aktionärsversammlung Applaus erhält, obwohl die Geschäftsergebnisse und der Börsenkurs zu wünschen übrig lassen und die finanzielle Situation des CEO Anlass zur Sorge gibt? Und wie viele Chefs können erwarten, dass am Ende einer solchen Veranstaltung eine 30 Jahre jüngere Frau mit Model-Maßen auf das Podium stürmt und sie leidenschaftlich küsst?

Arnaud Lagardère kann. Als der Chef der französischen Mediengruppe Lagardère Anfang Mai zur Hauptversammlung nach Paris lud, trat der Verlust von 707 Millionen Euro aus dem Jahr 2011 in den Hintergrund. Der 51-Jährige kündigte an, dass er »sehr bald« das 21 Jahre alte belgische Model Jade Foret heiraten werde und die beiden im September ihr erstes gemeinsames Kind erwarteten. »Ich habe in meinem Leben das wahre Glück gefunden und fühle mich deshalb beruflich stärker denn je.«

Wer wollte da noch mäkeln? Nun ist Lagardère aber nicht irgendwer. Er ist Chef eines der mächtigsten Medienunternehmen Europas und Sohn eines Gründungsvaters des europäischen Luftfahrt- und Rüstungsunternehmens EADS . Am 31. Mai wechselt er da vom Posten eines einfachen Verwaltungsratsmitglieds an die Spitze des Gremiums. Sein Lebenswandel wird deshalb mit, sagen wir, einiger Spannung beobachtet.

Er ließ sich den Namen seiner jungen Freundin auf den Arm tätowieren

Bei den Formulierungen an dieser Stelle ist Vorsicht angebracht. Bei Lagardère ist man schnell mit Anzeigen wegen öffentlicher Verleumdung. Die französische Justiz eröffnete vorige Woche ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Journalistinnen der Wirtschaftszeitung La Tribune. Sie hatten im Sommer 2011 ein namentlich nicht genanntes Mitglied der Lagardère-Führungsriege mit der indirekten Forderung zitiert, den Boss wegen Unzurechnungsfähigkeit zu entmündigen. »Es heißt immer, man müsse (die L’Oréal-Hauptaktionärin) Liliane Bettencourt unter Kuratel stellen. Und was ist mit Arnaud Lagardère? Immerhin hat L’Oréal noch eine Führung.« Lagardère verschiebe seit Monaten wichtige Termine oder sage sie ganz ab. Der Artikel über interne Kritik an der Führungskompetenz des Chefs erschien wenige Tage nach der Veröffentlichung eines Videos, das Zweifel an der Urteilskraft des Unternehmers erlaubte. Bei diesem Making-of eines Fotoshootings in Lagardères Landhaus in Rambouillet südwestlich von Paris sind er und seine Freundin heftig turtelnd in teilweise anzüglichen Posen zu sehen. Lagardère hatte das Video zur Veröffentlichung im Internet freigegeben. »Er muss super verliebt sein«, versucht sich ein EADS-Manager in einer charmanten Erklärung. Klar sei aber auch, dass Lagardère »einen anderen Schwerpunkt« habe als bei Unternehmenslenkern üblich. »Sein Privatleben ist ihm sehr wichtig. Und das Urteil anderer darüber interessiert ihn zumindest in Teilen auch nicht. Da ist er sehr dickhäutig.« Seine erste Ehefrau Manuela Erdödy, von der er 2010 geschieden wurde, und die beiden Söhne hielt Lagardère allerdings von den Klatschblättern fern.

Jade Foret räumte in einem Schreiben an die Nachrichtenagentur AFP ein, die Videoaufnahmen seien »kitschig«, das Paar sehe »lächerlich« aus. Seither machen die zwei jedoch im selben Stil weiter. Während anderen Unternehmenschefs vor Hauptversammlungen kaum Zeit zum Verschnaufen bleibt, flogen Lagardère und Foret Mitte April in den Urlaub nach Florida. Dass die beiden Spaß hatten, lässt sich auf 74 Fotos der Web-Society-Postille www.purepeople.com nachvollziehen. Auf den Bildern ist der Schriftzug »Jade 14« zu sehen, den sich Lagardère auf die Innenseite des Unterarms tätowieren ließ – das Paar hatte sich am 14. März 2011 kennengelernt.

Ein Interview mit ihm für dieses Porträt war nicht möglich. Eine Anfrage vom September 2011 beantwortete die Presseabteilung mit dem Hinweis, Arnaud Lagardère sei zu beschäftigt. Weitere Bitten um Auskünfte ließ Lagardère-Kommunikationschef Ramzi Khiroun – nebenher langjähriger Berater des über eine Sex-Affäre gestürzten IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn – sämtlich unbeantwortet.

Seine unternehmerischen Verpflichtungen nimmt Lagardère eher lässig wahr. Kritik an der Geschäftsführung der Lagardère SCA gibt es seit Jahren. Der amerikanische Investor Guy Wyser-Pratte plante 2010 einen Coup mit dem Ziel, Lagardère zu entmachten. Er scheiterte jedoch mit seinem Antrag, die als börsennotierte Kommanditgesellschaft auf Aktien verfasste Gesellschaft in eine normale AG umzuwandeln. Jetzt kann Arnaud Lagardère faktisch weiter allein herrschen.