Der ideale Kanzlerkandidat der SPD sieht so aus: Er paart Sigmar Gabriels aggressiven Kampfwillen mit Peer Steinbrücks Image als eloquenter Großdeuter des Finanzweltgeschehens, er legt einen krachenden und krisenkompetenten Wahlkampf hin und verwandelt sich mit dem Sieg bei der Bundestagswahl 2013 umgehend in Frank-Walter Steinmeier. Schließlich soll so ein Kanzlerkandidat ja nicht nur zum Kandidaten taugen, sondern auch zum Kanzler.

Pech nur, dass es einen solchen Mann – eine Frau stand nie ernsthaft zur Diskussion – in der real existierenden deutschen Sozialdemokratie nicht gibt. Also bastelten im Juli letzten Jahres der Parteichef, der Fraktionsvorsitzende und der saalfüllende Euro-Krisen-Erklärer eine Dreierkonstellation zusammen, nannten sie aber nicht Frank-Sigmar Brückmeier, sondern, in (un)guter SPD-Tradition: Troika. Die Stärken der drei, so die Idee dahinter, sollten sich zu einem Angebot an die Wähler addieren, das attraktiver erschien als die bloße Summe der Einzelteile.

Beim Premierenauftritt klappte das auch. Gabriel attackierte die Bundesregierung, mal als Herz-Jesu-Sozialdemokrat, mal als Überzeugungseuropäer. Steinbrück erläuterte, was Schwarz-Gelb in der Krisenbekämpfung alles falsch mache und was er und eventuell sogar die SPD alles besser machen würden. Und Steinmeier glich mit der ihm eigenen entschleunigten Nachdenklichkeit aus, wo der Erste allzu angriffslustig auftrat und der Zweite allzu besserwisserisch. Das Dreigespann aus Ex-Chefs von Schlüsselministerien der Großen Koalition kam nicht nur politisch schwergewichtig daher, sondern auch noch staatstragend: Es unterstützte die Kanzlerin in ihrem Kampf für ein zweites Griechenland-Paket. Sie wirkten überzeugend. Deshalb war es im vergangenen Sommer richtig, die Troika ins Rennen zu schicken. Und nun ist es höchste Zeit, sie im Geräteschuppen der Sozialdemokratie zu entsorgen.

Vor wenigen Wochen noch war Angela Merkel der Superstar der internationalen Politik, die mächtigste Frau der Welt, die Herrscherin Europas. Jetzt wächst von allen Seiten der Druck auf sie, bei der Euro-Rettung den Kurs zu wechseln und auf Wachstumsimpulse zu setzen. Der Rauswurf von Norbert Röttgen hat zudem das Bild der souveränen, über den Banalitäten ihrer Koalition schwebenden Machtstrategin nachhaltig erschüttert. Merkel, die Sparkommissarin wie die Modernisierungskanzlerin, verwandelt sich vor den Augen einer erstaunten Öffentlichkeit gerade von einer Treibenden in eine Getriebene. Die Kanzlerin verliert die Macht.

In dieses Machtvakuum müsste die SPD hineinstoßen. Doch dafür braucht sie nicht die drei Fragezeichen rund um die Kanzlerkandidatur , sondern eine klare Antwort. Wenn die SPD aber wie geplant erst nach der Niedersachsenwahl im nächsten Januar ihren Kanzlerkandidaten kürt, könnte es zu spät sein: Sie muss jetzt zugreifen, sie muss jetzt rasch den Kandidaten ernennen, jetzt das Programm an ihm ausrichten – und die Oppositionsohnmacht von heute verwandelt sich in eine Machtoption für morgen.