Alles ist "Holocaust" – auch siebzig Jahre danach. Joschka Fischer musste "Auschwitz" bemühen, um seine Grünen im Balkankrieg von ihrem Pazifismus runterzuholen (den sie ebenfalls mit den Nazi-Gräueln begründet hatten). Zuletzt hat Günter Grass vom Holocaust geraunt, um mit Israel, dem Erben der Ermordeten, abzurechnen. Dazwischen: Martin "Auschwitzkeule" Walser.

Der Holocaust als Hit – links und rechts, oben (Großliteratur) und unten (Stammtisch). Die originellste Einlassung hat wieder Thilo Sarrazin in Europa braucht den Euro nicht abgesondert. Zu Euro-Bonds – gesamteuropäischen Anleihen, die den Krisenländern einen erquicklichen Zins-Discount geben würden – schreibt er: Die Befürworter seien "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir ... auch unser Geld in europäische Hände gelegt haben".

Also: Die Deutschen knechten sich selber, ganz ohne Zwang durch "Versailles" und "Erfüllungspolitik". Dass die deutsche Geschichte die deutsche Gegenwart regiert – wer wollte das abstreiten? Dass aber der Holocaust den Euro gezeugt habe, ist so treffsicher wie die These von der schrumpfenden Storch-Population, welche die sinkenden Babyzahlen in Deutschland erkläre. Die Fakten stimmen, die Verknüpfung ist ein müder Gag.

Sarrazins Gag läuft so flink, weil die DEG, die Deutsche Empörungsgemeinschaft, prompt zu toben begann, gut für 100000 Extra-Verkäufe. Warum fällt den Gralshütern des Gutdenk nichts Besseres ein, als dem Mann das Talkshow-Maul zu verbieten? Weil der deutsche Diskurs sich grundsätzlich an der Moral labt und Interessen so versteckt wie ein peinliches Familienmitglied.

Das Geniale an Konrad Adenauer, der hier stellvertretend für alle anderen Kanzler steht, war doch klassische Interessenpolitik im europäischen Gewande. Besser integriert als okkupiert; besser Subjekt als Objekt; besser Deutschland vergemeinschaften, als wieder zwischen allen Fronten zu landen. Ohne Europa kein neues Deutschland, ohne dessen Selbstbindung kein neues Europa. Der Beweis? Der märchenhafte Wiederaufstieg beider und der längste Frieden aller Zeiten.

Euro-Bonds sind keine gute Idee, weil sie mit billigem Geld den Reformdruck von den Schlendrian-Staaten nehmen würden. Aber das lässt sich rational begründen; dazu muss man nicht den Holocaust an den Haaren herbeizerren. Der Euro war zwar eine gute Idee – so gut wie der Sozialismus, der auch nicht funktioniert, weil Menschen und Staaten das Eigen- dem Gemeinwohl vorziehen. Jetzt aber brennt, wie von den Skeptikern vorausgesagt, der Euro von Athen bis Lissabon. Nur ist es nicht die Schoah, die Merkel treibt, sondern das nackte deutsche Interesse an der Eindämmung des finanziellen Weltenbrands.

Der Holocaust als Hit: Diese morbide, ja obszöne Faszination verkauft Bücher, Gedichte und Blödsinn. Trotzdem: Lasst Sarrazin bei Jauch und Co. reden – so lange, bis das Grauen nicht mehr zu kleiner Münze verarbeitet wird und ein halbwegs rationaler Diskurs über Interessen, Mittel und Konsequenzen entsteht. Dann wird Sarrazin nur noch Romane schreiben.