Am Ende sollte man wohl sagen: Johann-Adolf Cohausz muss nicht in Rente. Nein – er darf. Seit dieser Woche ist öffentlich bekannt, was politische Beobachter seit Längerem vermuteten. Sachsens Regierungssprecher, vor einem Monat 65 Jahre alt geworden, wird nicht bis zur Landtagswahl 2014 im Amt bleiben. Ende Mai hört er auf. Stanislaw Tillich sucht für seine Regierung einen neuen Chef-Kommunikator.

Cohausz, bis 2009 Generalkonsul in Dubai, tat sich von Beginn an schwer in Dresden. Er hat Erfahrung als Jurist und Diplomat; PR-Experte ist er nicht. Im Umgang mit der Presse hat er unglücklich agiert, in Erinnerung bleiben vor allem schräge Episoden. Da war, zuvorderst, die Affäre um ein 43.000 Euro teures »Medientraining«. Dies hatte Cohausz in Anspruch genommen, obwohl das nahe Ende seiner Dienstzeit absehbar war – für den Steuerzahlerbund lief die Fortbildung unter der Rubrik »teure Annehmlichkeiten«. Im Landtag polterte der Chef des Haushalts- und Finanzausschusses, Sebastian Scheel (Die Linke): »Schicken Sie diese Fehlinvestition zurück in die Wüste!« Genüsslich erinnerte Scheel daran, wie Cohausz zu seinem Job gekommen sei: Tillich kennt ihn aus gemeinsamen Zeiten im Vorstand der Europäischen Volkspartei in den neunziger Jahren. Die Berufung des Sprechers, argwöhnte die Opposition, beruhe nicht auf Kompetenz, sondern auf Kumpanei.

Spätestens seit der Medienschulung galt Cohausz als angeschlagen, im Umgang mit der Presse wirkte er gehemmter denn je; und im eigenen Haus wie auf verlorenem Posten. Keine Anfrage könne er mehr beantworten, ohne Rücksprache zu halten mit den Hierarchen in der Staatskanzlei, hieß es.

Und die Malaise spitzte sich zu, als im Februar ein Werbevideo für Sachsen im Netz auftauchte: Cohausz gibt darin den Anchorman. In einer Szene balanciert er eine Weltkugel auf der Hand – unfreiwilliger Slapstick wie aus einem Film von Charlie Chaplin. Grafiken mit Wirtschaftsdaten blitzen aus dem Nichts auf, die Kamera streift über blühende Landschaften, Cohausz gestikuliert wie ein Bauchredner. »Wo blüht Sachsen im Verborgenen? Haben Sie vielleicht schon eine Idee, beispielsweise für einen pfiffigen Werbespruch?« Das fragt Cohausz im Video. Und: »Womit sollte Sachsen werben?« Gegenfrage: Damit?

Bei alledem wird offenbar, welche Versuche die Staatsregierung längst unternimmt, um ihr wichtigstes PR-Ziel zu erreichen: Man will mit dem Bürger direkt kommunizieren; man will auf Medien nicht mehr angewiesen sein. Verzweifelt probiert man sich dafür im Kerngeschäft der Medien selbst aus. Es ist eine Strategie, für die nicht Cohausz allein steht – sondern die Spitze der Staatskanzlei.

Dass Parteien auf das Internet setzen, um mit dem wahlmüden Volk in Kontakt zu treten, ist spätestens seit dem Erfolgszug der Piraten eine Selbstverständlichkeit. Die Staatsregierung jedoch geht einen Schritt weiter, sie hat die Diskussion mit dem Bürger ins Internet outgesourct. Dialog.sachsen.de heißt der Ort, an dem das Volk seine Meinung sagen soll. Eine »gesunde Streitkultur« sei dort »ausdrücklich erwünscht«.

Auch Cohausz’ Video findet sich auf der Seite. Kritik am Filmchen indes verbittet sich der scheidende Sprecher: »Es wäre kein Dialog«, schreibt er, »wenn nicht auch kontroverse Meinungen geäußert werden. Jedoch sollten wir an dieser Stelle nicht über Geschmacksfragen wie die Filmgestaltung reden.« Als Leser grübelt man: Heißt Dialog nicht, dass die Partner frei reden können über das, worüber sie reden wollen? 

Nein: Ein Dialog will nicht aufkommen auf dialog.sachsen.de. Reichlich vier Millionen Einwohner hat der Freistaat. Angemeldet bei der Plattform sind zurzeit – 222 Nutzer.