Rom 1512: Raffael ist fast fertig mit seinem streng geometrisch komponierten Madonnenbild. Nur der untere Bildrand gefällt ihm noch nicht. So leer. Da gehört noch ein Akzent hin. Wie wäre es mit – zwei pausbäckigen Putti? Eine Legende behauptet, der Künstler habe Lausbuben von der Straße in sein Atelier geholt. Besonders fromm sehen die beiden jedenfalls nicht aus. Vielleicht hat gerade das dazu geführt, dass diese Engel die berühmtesten der Kunstgeschichte wurden...

Leipzig, 1885: Schon seit 131 Jahren hängt Raffaels Sixtinische Madonna in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. Jeder kennt die Muttergottes mit den Geflügelten zu Füßen. Und weil es seit Kurzem Mode geworden ist, seine Kinder mit Kameras aufs Bild zu bannen, sind manche Fotografen auf die Idee verfallen, die Kleinen genauso zu inszenieren wie Raffaels Engel. So kommt es, dass im Fotostudio Gebr. Siebe auch zwei kleinen Mädchen aus Hohenprießnitz ein hölzernes Gestell in den Rücken geschoben wird, das sie stillhalten lässt, die Arme verschränkt, den Blick nach rechts oben gerichtet. Voilà: Emilie, geboren 1879, und Anna, Jahrgang 1881.

Dresden 2012: Die Staatlichen Kunstsammlungen präsentieren die prächtige Ausstellung zu 500 Jahren Raffael- Madonna. Auch die Wirkungsgeschichte des Werks soll beleuchtet werden. Und hier kommt die blass türkisfarben eingefasste Fotografie der beiden Schwestern ins Spiel: Emilie, die rechte, starb als junge Frau bei der Geburt eines Kindes. Anna, links im Bild, die temperamentvolle, wurde später Mutter von sieben Kindern und eine miserable Hausfrau.

Umso beliebter war sie bei ihren 27 Enkelkindern als viel gefragte Vorleserin. Natürlich wollen etliche dieser Nachfahren jetzt ihre "Großi" in der Ausstellung besuchen. Ihr, meiner Großmutter, hätte das gefallen!