Wenn es für ihre Liebe noch einen Beleg braucht, dann ist es diese Treppe. Irina Antonowa , 90 Jahre alt, quält sich die unzähligen Stufen hinauf, sie muss immer wieder anhalten, ihre Beine schmerzen. Den Gang könnte sie sich sparen, doch vor dem Gast aus Dresden gibt sie alles. Sie will einen Triumph, und die Treppe gehört dazu – zur Inszenierung: Irina Antonowa, die Grande Dame der internationalen Kunstszene, möchte hier in ihrem Moskauer Puschkin-Museum etwas beweisen. »Schauen Sie selbst«, sagt sie, oben angekommen, in fast perfektem Deutsch. »In diesem Saal war die Sixtinische Madonna ausgestellt. Hier wirkte sie einzigartig. Jeder, der sie sehen wollte, musste über diese Stufen zu ihr hochsteigen und von unten nach oben schauen. Und dann diese Säulen, die das Gemälde noch zusätzlich einrahmten! Das schafft ein feierliches Pathos. Anders als heute in Dresden. Dort hängen noch andere Bilder neben ihr, die ihr die Aufmerksamkeit rauben. Verstehen Sie, was ich meine?«

Der Blick der Russin ist fordernd, jeder Widerspruch zwecklos. Sie gibt vor, wo es langgeht. Irina Antonowa weiß seit ewigen Zeiten, was gut und richtig ist, für ihr Haus und überhaupt. Seit 1945 arbeitet Irina Antonowa für das Puschkin-Museum. Die damals 22-Jährige brachte nicht nur ein Diplom als Kunsthistorikerin mit, sondern auch Erfahrungen als Krankenschwester. Im Krieg hatte sie in Militärlazaretten verwundete Soldaten versorgt; vielen der meist jungen Männer mussten Gliedmaßen amputiert werden. Nach dem Grauen kam die Madonna zu Irina Antonowa. Krasser kann man sich einen Lebensbruch nicht vorstellen. Vielleicht redet sie deshalb, wenn sie über die Sixtina spricht, so mitfühlend und zugleich auf irritierende Weise nüchtern: wie von einer Patientin.

Im Juni 1945 hatte Josef Stalin befohlen, die wertvollsten Kunstwerke aus der sowjetischen Besatzungszone und damit auch aus Dresden in die UdSSR zu bringen. Stalin wollte ein Weltmuseum für Kunst schaffen – als Ersatz für die mehr als 400 von den Deutschen zerstörten russischen Museen. Er beauftragte den Chef der Antonowa. Sergej Merkurow holte die junge Frau, die schon damals als resolut galt, sofort zu sich in die Trophäenkommission.

Die Sixtinische Madonna traf am 10. August 1945 in Moskau ein. Sie kam in einem der ersten 30 Güterwaggons aus Dresden. Wenige Kilometer vor dem Ziel wurde die kostbare Fracht in drei Meter hohe Kisten umgeladen. Die Antonowa erinnert sich an eine Karawane von Lastwagen, die ständig stockte, wenn Soldaten elektrische Oberleitungen mit Gabelstangen anheben mussten, damit die Fahrzeuge passieren konnten. Wie nervös man war: Nicht auszudenken, wenn die Geschichte eines der wertvollsten Kunstwerke der Welt auf einer russischen Straßenkreuzung geendet hätte!

»Alle atmeten auf, als die Lastwagen bei uns ankamen«, erinnert sich die Antonowa: »Junge Soldaten brachten die Kiste mit der Galerienummer 93 ins Haus, stellten sie vor uns hin und blickten uns erwartungsvoll an.« Die alte Dame hält kurz inne, spielt gedankenverloren mit ihrem Schal, als müsse sie sich die Szene selbst noch einmal vergegenwärtigen. »Diese Kiste durfte nur der Chefrestaurator auspacken«, sagt sie. »Die Sache war heilig. Wir standen mucksmäuschenstill im Kreis um ihn herum.« Die Madonna sei in Unmengen von dünnen weißen Decken gehüllt gewesen. Dann habe der Restaurator die vielen Stoffbahnen entfernt, sachte, Schicht für Schicht. Die jungen Soldaten hoben sie aus der Kiste, und auf einmal stand sie vor ihnen: die Sixtinische Madonna.

Später, sagt die Antonowa, habe sie über viele Jahre nicht von diesem Augusttag 1945 erzählen können. Stattdessen hielt sie Vorträge über die Malweise von Raffael und über seine Bedeutung in der Kunstwelt. Es fiel ihr ungleich leichter, sich an diesen Fakten festzuhalten, als sich an Gefühle zu erinnern.

Die ehemalige Offizierin der Sowjetarmee wurde für ihre Verdienste in der Trophäenkommission mit Orden überhäuft. Lohn auch für ihre Unnachgiebigkeit im deutsch-russischen Beutekunst-Streit. Legendär ist ihr Satz aus den fünfziger Jahren: »Wer Bomben auf Museen wirft, soll mit der eigenen Kultur dafür haften.« Harte Worte einer harten Funktionärin. Ausgerechnet eine andere Frau hat sie erweicht, die Madonna: »Ich habe an diesem Sommertag 1945 nur diese wunderschöne Frau mit ihrem Kind gesehen. Es war Kriegsende, ich hatte keine Siegergefühle. Und dann dieses Bild – was für ein starkes Symbol für all die Opfer, die wir im Krieg gebracht haben! Maria war eine von uns, sie hat mit uns gelitten.«