Irina Antonowa schüttelt jetzt mehrfach den Kopf. Schluss mit den Sentimentalitäten! Eine wie sie muss alles unter Kontrolle haben, an erster Stelle sich selbst. Sie, die das bläulich getönte Haar wie einen Kampfhelm trägt und deren Kostüm einer viel zu groß geratenen Uniform gleicht: zu viel Stoff für diese zierliche Frau. Aber die Uniform gibt ihr Sicherheit und Größe.

"Es ging in unseren Werkstätten wie in einem Lazarett zu"

Irina Antonowa ist die weltweit dienstälteste Direktorin eines staatlichen Museums. Das Puschkin leitet sie seit 1961. Der damalige Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow selbst hat sie berufen. 1946 hatte sie ihn – er war noch KP-Chef der Ukraine – das erste Mal im Haus herumgeführt und ihm die Kunstschätze aus Dresden gezeigt. Die Bilder waren für kurze Zeit im Puschkin-Museum ausgestellt, zu sehen nur für das Parteivolk. Bis zu jenem Tag, an dem sich der Privatsekretär Josef Stalins die Ausstellung anschaute. Danach verschwanden ohne Begründung alle 746 Gemälde aus Dresden, darunter die Sixtinische Madonna, für zehn Jahre im Keller, in den Museumsdepots. Davon redet die Antonowa nicht, nun in ihrem Arbeitszimmer. Sie schweigt auch zu den Hintergründen des von Stalin geplanten Weltmuseums, so wie sie dazu immer geschwiegen hat. Sie erzählt lieber von der ruhmreichen Rettung der Gemälde, von der Leistung der Restauratoren: "Es ging in unseren Werkstätten wie in einem Lazarett zu. Viele Bilder waren beschädigt, einige fürchterlich durchnässt. Wir haben alles, aber auch alles getan, um sie zu retten. Auch die Sixtinische Madonna, sie war ja nicht hinter Glas damals. Sie war völlig ungeschützt, als wir sie ausgepackt haben."

Als der Gast aus Dresden nachhakt und erzählt, dass die Forschungsarbeiten über die Madonna von keinen Schäden aus dem Jahr 1945 berichten, wird die Dame unwirsch. Kein mütterlicher Blick mehr. "Fakt ist", sagt die Antonowa, "wir haben die Sixtina in einer grandiosen Ausstellung gefeiert. Wir haben die Gemälde aus Dresden gezeigt, alle 746. Die Menschen waren so hungrig, sie wollten die Madonna unbedingt sehen." Das Fest begann am 2. Mai 1955 und dauerte drei Monate. Die Antonowa spricht von 1,2 Millionen Besuchern aus der ganzen Sowjetunion . Die Warteschlangen hätten kein Ende genommen, überall im Umkreis des riesigen Museums hätten Stühle und Kisten gestanden. "Viele Menschen mussten länger als einen Tag warten, und sie warteten ohne Murren. Bedenken Sie, dass nach Kriegsausbruch alle Museen in Moskau lange geschlossen waren. Diese Ausstellung brachte den Menschen etwas zurück, das sie bitter vermisst hatten: das Schöne, das Reine, das Gute."

Nur wenige Tage nach der großen Ausstellung sagten Vertreter der Moskauer Regierung einer Delegation aus der DDR zu, die Dresdner Meisterwerke zurückzugeben. An den Verhandlungen hatte die Antonowa teilgenommen, doch auch darüber spricht sie nur spärlich. "Ich erinnere mich nicht mehr daran", sagt sie, "es sollte wohl eine Geste des guten Willens sein."

Auf so eine Geste des guten Willens warten noch viele Museen in Deutschland. In der Obhut von Irina Antonowa lagert im Puschkin-Museum bis heute ein Großteil der nach dem Zweiten Weltkrieg auf sowjetischen Befehl abtransportierten Kunstschätze, darunter sind die Troja-Funde von Heinrich Schliemann und der Eberswalder Goldschatz sowie manches Exponat aus Dresden. Auch dazu fällt nur eine lakonische Bemerkung: "Unsere Welt ändert sich täglich. Was heute gerecht ist, wird morgen womöglich in einem anderen Licht gesehen. Vielleicht spricht man in hundert Jahren anders über das Thema Beutekunst. Heute aber ist es so, wie es ist – und es ist gerecht."

Ein großer Wunsch bleibt ihr unerfüllt: Eine letzte Moskau-Reise der "Sixtina"

Die Antonowa hat die berühmteste Madonna der Welt zweimal in Dresden besucht. Von der Hängung dort, in der Galerie Alte Meister, ist sie enttäuscht. Für sie ist es ein Ort, der zu wenig Ehrfurcht fordert. Ob sie zum 500-jährigen Geburtstag des Raffael-Gemäldes nach Dresden kommt? Die alte Dame erkundigt sich nach dem Termin und seufzt: "Nein, ich komme nicht. Unser Museum wird Ende Mai 100 Jahre alt. Dieses Ereignis feiern wir groß. Aber es wäre zu schön, wenn wir die Sixtina bei uns ausstellen dürften. Wenn die Madonna an den Platz ihrer Rettung zurückkäme. Das wäre das Größte für mich."

Die Antonowa hat diesen Herzenswunsch schon einmal geäußert, zum 60. Jahrestag des Sieges über NS-Deutschland. Sie soll Wladimir Putin selbst um Fürsprache bei Gerhard Schröder gebeten haben. Aus Deutschland kam eine abschlägige Antwort. Es sei ein vergeblicher Wunsch – das zu betonen wird Galeriedirektor Bernhard Maaz nicht müde. Bei allem Respekt vor der Grande Dame, sagt er, gebe es im Leben Wünsche, die unerfüllt bleiben müssten. 

In diesem Moment legt Irina Antonowa ihre Rolle als Direktorin ab. Sie ist jetzt eine zierliche, betagte Frau. Sie steht am Ende der langen Treppe, wo sie die Madonna platziert hatte; wo sie noch immer besser platziert wäre als anderswo, glaubt sie, vor allem in Dresden. Die Antonowa steht hier oben ganz allein. Sie wartet, sie wartet immer noch.