Außen vor bleiben dabei jene, die einer Regierung Orientierung ermöglichen, indem sie deren Handeln an der Realität messen: Journalisten. Stellvertretend für das Volk müssen sie Politiker befragen und hinterfragen. Das setzt kritische Distanz voraus, aber eben auch das offene Wort, zumindest im Vertrauen. Ein offenes Gespräch ohne Notizblock ist oft wichtiger als ein Interview. In Sachsen jedoch hat es, wie die sächsische Landespressekonferenz feststellt, 2011 kein einziges Hintergrundgespräch mit dem Ministerpräsidenten gegeben.

Ein Unding, sagt Steffen Winter. Der Thüringer arbeitete von 2001 bis 2010 für den Spiegel als Korrespondent in Dresden und bekam für seine Arbeit vom Landtag die "Verfassungsmedaille für besondere Verdienste um die freiheitliche demokratische Entwicklung im Freistaat". Drei Jahre zuvor hatte er mit einer Recherche über Tillichs angeblich geschönte DDR-Vergangenheit Schlagzeilen gemacht: Demnach hat Tillich nach der Wende Details seiner Vita verschwiegen und sich 2008 zunächst geweigert, einen Fragebogen über eigene Verstrickungen ins politische System der DDR zu veröffentlichen. Seitdem, heißt es, sei der scheue Tillich im Umgang mit Medien noch misstrauischer geworden.

Doch das muss Winter nicht stören. Heute schreibt er für den Spiegel aus München. "Je kritischer man hier berichtet", sagt er, "desto ernster wird man von Politikern genommen." In Bayern gebe es eine gewachsene Kritik- und Intrigenkultur, obwohl oder gerade weil die CSU über Jahrzehnte ohne politischen Gegner regiert habe. Gesprächspartner zu finden sei in Bayern einfacher als in Sachsen, wo Regierungspolitiker Journalisten generell nicht ernst nähmen. Manchen sächsischen Medienvertretern, sagt Winter, sei deshalb "die Nähe zur Macht" wichtiger als "kritische Distanz". Das führe dazu, dass "die Staatskanzlei weniger Kritik erfährt und zunehmend glaubt, dies sei der Normalzustand. Sie reagiert entsprechend ruppig auf Abweichler, während sie die treue Hof-Journaille belächelt."

Dass Politiker in Sachsen mit Journalisten eher ungern reden, will Holger Zastrow , Chef der Regierungsfraktion FDP im Landtag und Bundesvize seiner Partei, gar nicht bestreiten. Schuld seien die anderen: "Die Frage ist doch: Warum erwarten Politiker kaum noch etwas von den hiesigen Medien? Warum gibt es etwa weniger Hintergrundgespräche?" Viel zu oft hätten Journalisten einfach gedruckt, was man vertraulich im Hintergrundkreis erzählt habe. Doch selbst wenn das stimmt: Darf das ein Grund für Politiker sein, nicht mehr mit den Medien und über sie mit dem Volk zu reden?

Immerhin ist politische Willensbildung ohne Medien in einer Demokratie sehr schwer. Selbst Kurt Biedenkopf, Heros der sächsischen Politik, wusste, dass vieles, was in einem Hintergrundgespräch gesagt wird, irgendwann auch den Weg in die Öffentlichkeit findet. Mehr noch: Er nutzte dieses Wissen. So versuchte er einst seinen parteiinternen Herausforderer Georg Milbradt im Zaum zu halten, indem er ganz im Vertrauen lästerte, dass Milbradt zwar ein "hochbegabter Fachmann", aber ein "miserabler Politiker" sei.

Für Holger Zastrow sind die Rollen klar verteilt: Einer gibt, einer nimmt. "Und wenn die Politik aus der Vergangenheit lernt und nicht mehr über Interna spricht, nehmen die Medien halt, was sie kriegen können." Politiker würden persönlich angegangen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Vorausgesetzt, auch das stimmt: So lesen sich Schreie nach Zuwendung. Immerhin werden in Sachsen die Medien bewusst von der politischen Entscheidungsebene ferngehalten. Die Folge: Hüben wie drüben verletzte Gefühle, durch die langsam ein demokratisches Grundprinzip erodiert – das Vertrauen beider, dass Politik überhaupt noch zu vermitteln ist.

Das gilt nicht nur in Sachsen: Auch auf Bundesebene, erklärt Michael Spreng, liegt es bereits nicht mehr "im Interesse der Regierung Merkel, politisches Handeln transparent zu machen". Statt Pressekonferenzen gebe es Statements. "Die frohe Botschaft", so Spreng, "soll nicht durch lästige Fragen von Journalisten verwässert werden. Politische Kommunikation wird so zur reinen Verkündigung." Und bewiesen Merkels Umfragewerte nicht, dass Verkündigung funktioniert in Deutschland?