Es enden ja manche Sachen mit einer Revolution, einige beginnen aber auch so. Der Anzug zum Beispiel. Um ihn zum ultimativen Männerkleid zu machen, bedurfte es des französischen Umsturzes. Dieser führte zu einer schnellen Außerdienststellung der aristokratischen Kniebundhose. Es war sozusagen das erste Mal, dass die Straße den Modegeschmack diktierte. Denn wer sich mit dem eng anliegenden Beinkleid dort blicken ließ, endete unter dem Fallbeil. Da war es besser, pantalons zu tragen, lange Hosen, die bei den Bauern üblich waren. Dazu gehörte ein knielanger schwarzer Rock, der Vorgänger der Anzugjacke. Während das Kleidungsideal des Adels darauf zielte, den Träger durch Pracht aus der Masse herauszuheben, wollte der schwarze Anzug das Gegenteil: Gleichheit. Der Anzug war die Uniform, die der aufstrebende Kapitalismus brauchte. Jeder Mann sah in ihm ähnlich aus. Ob alt oder jung, ob dick oder dünn – der Anzug schuf die neutrale Zone, in der sich Geschäftspartner zu Verhandlungen trafen. Im Anzug konnte sich niemand über den anderen erheben. Jedenfalls nicht augenscheinlich.

In der Entwicklungsgeschichte dieses Gleichmachers tat sich einer besonders hervor: der Doppelreiher. Er verwandelte jeden Mann in einen Kasten mit gleicher Kantenlänge. Im Doppelreiher war nicht einmal mehr der Ansatz einer Figur zu erkennen – er war ursprünglich aus extrem steifen Stoffen gefertigt. Selbst wenn der Mann darin schon tot war, der Anzug stand noch. In den siebziger und achtziger Jahren schließlich wurde der Doppelreiher als so konservativ angesehen, dass er fast ausgestorben wäre.

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Aber nun ist er wieder da. Doppelreiher bei Boss Black, bei Prada, bei Zegna, bei Dior Homme, bei Alexander McQueen. Und doch sind sie anders. Im Gegensatz zu den Vorgängern sind moderne Zweireiher kürzer und schmaler geschnitten. Die Schultern sind nicht breit, sondern abgerundet. In den aktuellen Sommerkollektionen finden sich außerdem viele weite Sakkos, fast Zweireiher, die sehr locker sitzen. Die neuen Doppelreiher sind keine Uniform, sie betonen den individuellen Körper des Mannes. Jeder sieht darin anders aus. Der Gleichmacher wird zum Trenner – und das in einer Zeit, da der Kapitalismus am Ende scheint. Zufall? Vielleicht ist schon wieder Revolution.