Bisweilen nimmt die Diskussion um das Urheberrecht prinzipielle Untertöne an. Dann ist nicht nur davon die Rede, dass die Urheber- und Verwertungsrechte für digital gespeicherte Artefakte neu geregelt werden müssen, sondern auch davon, dass die Idee des Autors und Erfinders eigentlich obsolet und überflüssig sei. Ist nicht jeder Text, jedes Bild eigentlich das Produkt eines unendlichen Netzwerks von Artefakten, Ideen und Ideenträgern, die ihm vorausgehen, und ist nicht der sogenannte Autor letztlich nur einer der zahllosen Knoten im Netz dieser Faktoren? Warum ihm dann eine so hervorgehobene Position einräumen? Vom Tod des Autors war kürzlich an dieser Stelle die Rede (ZEIT Nr. 19/12) – eine nicht ganz neue Metapher, die durch die gegenwärtige Debatte neue Aktualität gewinnt.

Die Radikalkur, die das Verschwinden des Autors für die lästigen Probleme mit dem Urheberrecht anzubieten hätte, ist offensichtlich: Wo es keinen Autor gibt, kann es persönliche Zurechnung von Artefakten und Anerkennung von Rechten an ihrer Verwertung nicht geben. Alles gehört allen, und niemand ist privilegiert.

Das mag gut klingen, aber wir müssen sehen, was wir mit einer solchen Radikalkur preisgeben. Denn ihre Wirkungen gehen weit über den Horizont des Urheberrechts hinaus. Das Urheberrecht bezieht sich auf die Autorenschaft an Produkten, die sich ökonomisch verwerten lassen. Der weitere Urheberbegriff, der in philosophischen und psychologischen Handlungstheorien eine Rolle spielt, erstreckt sich dagegen auf das gesamte Feld von Gedanken- und Handlungsautorenschaft. Manche – wie der Philosoph Peter Bieri – gehen noch einen Schritt weiter und sprechen sogar von Autorenschaft für das eigene Leben.

Die Idee, dass Individuen Urheber ihrer Gedanken und Handlungen sind, macht den Kern der Idee der Person aus. Personale Handlungsautorenschaft begründet aber nicht nur Rechte, die die Verwertung von Handlungsprodukten betreffen, sondern auch – und vor allem – Pflichten, die die gedankliche Grundlegung des Handelns und die Anerkennung von Verantwortung für seine Folgen betreffen. Nur wenn wir Personen als Urheber ihrer Handlungen verstehen, können wir sie darauf verpflichten, sich gründlich zu überlegen, was sie tun, und für die Folgen ihres Tuns einzustehen. Und nur dann können wir durch Lohn und Strafe auf sie einwirken.

Wer technische Erfindungen macht oder künstlerische Werke schafft, den belohnen wir mit Patenten und Tantiemen – von Ruhm und Ehre ganz zu schweigen. Wer Schaden anrichtet, Verbote übertritt oder Verbrechen begeht, den bestrafen wir mit Haftungsansprüchen, Geldbußen oder Freiheitsentzug – von Schimpf und Schande ganz zu schweigen. Solche Praktiken, die Individuen als Handlungsautoren behandeln, bewirken zweierlei. Retrospektiv – auf kurzfristigen Zeitskalen – sanktionieren sie Handlungen, die bereits stattgefunden haben. Prospektiv – auf langfristigen Skalen – formen sie Individuen zu Personen, die sich als verantwortliche Autoren ihres Tuns und Lassens begreifen und entsprechend handeln.

An der Idee der Autorenschaft hängt also weit mehr als die persönliche Zuschreibung der Rechte an technischen und künstlerischen Artefakten. Deshalb müssen wir uns gut überlegen, ob wir es uns wirklich leisten wollen, den Autor sterben zu lassen. Wenn der Autor stirbt, stirbt die Person. Und wenn die Person stirbt, wird die Geschäftsgrundlage der Moderne hinfällig.

Natürlich steht die allgemeine Idee der Handlungsautorenschaft schon lange in ähnlicher Weise unter Beschuss wie die spezielle Idee der Textautorenschaft. Wissenschaften wie Psychologie und Hirnforschung können mit der Idee des autonomen Autors, der Gedanken und Handlungen aus sich heraus hervorbringt, nicht viel anfangen. Ein Beispiel ist ihre prinzipielle Skepsis gegenüber der Idee der Willensfreiheit: Wie kann jemand Handlungsurheber sein, wenn sein Handeln durch ein tief gestaffeltes Netz von Antezedenzbedingungen vorbestimmt ist?