Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, hat in einem Gespräch mit dem Guardian gesagt, die Griechen könnten sich am besten selbst helfen, indem sie allesamt ihre Steuern bezahlten, und sie hat hinzugefügt: "Ich sorge mich mehr um die Kinder in einem kleinen Dorf in Niger, die nur zwei Stunden Unterricht am Tag haben und sich zu dritt einen Stuhl in der Schule teilen. An diese Kinder denke ich die ganze Zeit. Denn ich glaube, sie brauchen viel mehr unsere Hilfe als die Menschen in Athen."

Auch mit richtigen Hinweisen kann man Demagogie betreiben. Frau Lagarde darf sicher sein, mit ihrer Bemerkung die Stimmung an nordeuropäischen Stammtischen gut getroffen zu haben, wo die armen Negerkinder immer dafür herhalten müssen, die Not des Nachbarn zu verkleinern. Und wenn alle Europäer – nicht allein die Griechen – ordentlich ihre Steuern bezahlten, wäre der Kontinent nicht pleite.

Der nordeuropäische Hochmut gegen den angeblich verlotterten Süden

Ja, es ist leider wahr, dass der griechische Staat marode ist und das Bürgertum schwach. Woher auch sollten die zivilgesellschaftlichen Tugenden kommen? Jahrhundertelang Teil des Osmanischen Reiches, nach etlichen Umsiedelungen und Säuberungen zusammengewürfelt aus diversen Völkerschaften, entstanden nach dem Willen der Großmächte, die ihm einen bayerischen Prinzen als König verordneten, war das Griechenland der Moderne meist das Objekt fremder Interessen und selten das Subjekt der eigenen. Das setzte sich fort mit der brutalen Besetzung durch deutsche und italienische Truppen im Zweiten Weltkrieg und mit der von den Westmächten unterstützten Militärdiktatur Ende der Sechziger.

Es war Günter Grass, der in einem neuerlichen Leitartikelgedicht auf solches Schulbuchwissen aufmerksam gemacht und Griechenland zornig verteidigt hat. Anders als sein unglückseliges Israel-Gedicht verdient sein in der SZ abgedrucktes Gedicht Europas Schande Diskussion und Zuspruch. Nicht allein weil es wegen seines klassischen Versmaßes und seiner kräftigen Bilder literarisch satisfaktionsfähig ist, sondern weil es an ein paar Dinge erinnert: daran, dass Griechenland die Wiege Europas ist, dass sich die prächtigsten seiner antiken Kunstschätze in Berlin und London befinden und dass die Obristen willkommene Bündnispartner waren.

Grass erwähnt auch uns Deutsche: "Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land heimgesucht / trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister." Der damals missbrauchte Friedrich Hölderlin, der im griechischen Freiheitskampf die deutsche Freiheitssehnsucht widergespiegelt sah, schrieb in seinem Gedicht Griechenland: "Attika, die Heldin, ist gefallen; / Wo die alten Göttersöhne ruhn, / Im Ruin der schönen Marmorhallen / Steht der Kranich einsam trauernd nun."

Muss man darin erinnern, welche Bedeutung die Antike für die deutsche Geistesgeschichte gehabt hat? Weiß man noch, dass die europäische Kunst und Philosophie ihren Ursprung in Griechenland haben? Hat noch jemand eine Vorstellung davon, was der Geist Europas sein könnte? Offensichtlich nicht. Wir haben es hingenommen, dass die europäische Idee zu einem Fiskalprojekt verkommen ist und dass sich die EU über Glühbirnen streitet und nicht über ihre kulturelle Identität. Wir haben uns an die Herrschaft der Eurokraten derart gewöhnt, dass die Frage, ob Athen oder gar Rom aus Europa herausfliegen, kaum einen schlafenden Hund weckt. Grass, der schwer Erträgliche, schläft nicht: "Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, / dessen Geist Dich, Europa, erdachte."

Woher kommt der nordeuropäische Hochmut gegen den angeblich verlotterten Süden? Für den schnellen Strandurlaub oder die gepflegte Bildungsreise sind uns Palermo und Kreta gerade recht, und Bildbände über die Ägäis oder die Akropolis, oder was sonst das Herz des klassisch Gebildeten erfreut, schmücken den Gabentisch. Doch wenn jemand sein Kataster nicht ordentlich führt und auf Reifen ohne Profil fährt, dann passt der nicht zu uns gut gebügelten und protestantisch gestählten Nordeuropäern. Und wenn es ans Portemonnaie geht, hört der Spaß auf, dann darf Christine Lagarde den Kneipenwirt spielen, der den Zechpreller am Kragen packt.

"It’s the economy, stupid", lautete Bill Clintons Wahlkampfslogan 1992. Derzeit beansprucht der Satz weltweite Geltung. Zumindest vom Aufruhr der islamischen Welt aber könnten wir gelernt haben, dass die Kultur ein zähes Prinzip ist, das sich rationalem Kalkül höchst ungern unterwirft. Unsere eigene Kultur erscheint uns selbstverständlich wie ein alter Hut, den man bei schlechtem Wetter vom Schrank holt und dann merkt, was man an ihm hat. Aber das ist ein Irrtum. Ohne seine kulturellen Gründe ist Europa nichts.

Zum Kongress für die Einigung Europas im Jahr 1948 waren Intellektuelle wie Raymond Aron und Denis de Rougemont, Dichter wie T. S. Eliot, Giuseppe Ungaretti und Ignazio Silone eingeladen. Das wäre heute undenkbar. Denn das europäische Projekt liegt fest in den Händen der Finanzminister und Banker, der Währungshüter und Konzernchefs. Wir sollten uns einmischen und die Griechen jetzt nicht allein lassen.

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