Neunundvierzig Kinder. Gefesselt, erschossen, hingerichtet, die Kleinsten gerade dem Säuglingsalter entwachsen. Ein infameres Verbrechen ist schwer vorstellbar als jenes, das am 25. Mai in der syrischen Siedlung Hula begangen wurde. Als sich Europa auf die Pfingstferien und den Eurovision Song Contest vorbereitete, ermordeten regimetreue Milizionäre Jungen und Mädchen. Insgesamt 109 Menschen starben, der kleinere Teil davon wohl durch reguläre Truppen. Bewaffnete, das lassen alle Informationen vermuten, die der Weltöffentlichkeit vorliegen, gingen als Exekutionskommando von Haus zu Haus. Die Dorfbewohner legten danach die Körper ihrer Kinder auf den Betonboden einer Moschee. UN-Beobachter standen vor den Reihen und zählten die Leichen. Das ist ihre entsetzliche Aufgabe, mehr können und dürfen sie nicht tun als: zuschauen.

Wer Kinder im Krieg auf diese Weise tötet, gezielt und systematisch, will seinen Feind nicht besiegen. Er will ihn auslöschen. Mit seinen Wurzeln und seiner Zukunft. Das Massaker von Hula ist für Syrien ein katastrophaler Wendepunkt. Unter Assad stürzt das Land in einen Vernichtungskrieg, in dem sich Sunniten und Alawiten von der Landkarte zu tilgen versuchen. Sie verbrennen gegenseitig ihre Felder, vertreiben einander aus ihren jeweiligen Siedlungsgebieten. Noch bevor der Diktator gestürzt ist, toben die Verteilungskämpfe für die Zeit danach. Der Staat ist in Syrien nur noch in Fragmenten vorhanden, mit jedem Monat dieses Krieges verschwindet er weiter im schwarzen Loch der Anarchie.

Massaker wie das von Hula führten in der Vergangenheit zum Eingreifen der Staatengemeinschaft. Die Nato bombardierte serbische Stellungen, nachdem am 5. Februar 1994 in Sarajevo eine serbische Granate 68 Menschen getötet hatte. Sie intervenierte massiv im Kosovo, wo am 15. Januar 1999 im Dorf Racak 45 Kosovo-Albaner ermordet worden waren. Die syrische Opposition hofft jedoch wohl vergeblich darauf, dass die Kindermorde von Hula den Westen aus seiner Beobachterhaltung reißen werden.

Weil der Westen passiv bleibt, wenden sich die Rebellenkämpfer fragwürdigen Verbündeten zu. Al-Kaida drängt aus dem Irak in das syrische Vakuum. Die bislang einzige Waffenhilfe für die FSA, die "Freie Syrische Armee", kommt aus Katar und Saudi-Arabien. Seit einigen Wochen liefern diese Staaten panzerbrechende Waffen. Zum ersten Mal kommen damit Assads Truppen ernsthaft unter Druck. Zugleich aber verlieren die Demokraten in der Opposition an Einfluss. Immer mehr dominieren die Islamisten. Viele syrische Oppositionelle sagen: In der Not erkennst du deine wahren Freunde. Der Westen zählt bislang nicht dazu.

Die USA favorisieren mittlerweile die "Jemen-Lösung". Sie soll derzeit im Mittelpunkt von Geheimgesprächen zwischen Washington und Moskau stehen. Assad soll gehen, sein Regime aber für eine Übergangszeit an der Regierung bleiben. Wie es im Jemen mit dem langjährigen Präsidenten Ali Abdullah Salih ausgehandelt wurde. Die Befürworter dieses Planes übersehen, dass die Jemen-Lösung auch im Jemen keine Lösung ist. Heftiger als zuvor ringen dort Loyalisten und Aufständische um die Macht. Und längst richtet sich der Aufstand in Syrien nicht gegen Assad allein. Zu viele in diesem Regime haben zu viel Schuld auf sich geladen.

Der Westen kann das Problem Syrien nicht länger aussitzen. Das haben die vergangenen Wochen gezeigt. Der Bürgerkrieg zwischen Sunniten und schiitischen Alawiten frisst sich immer tiefer in die Geografie des Nahen Ostens, destabilisiert den Libanon, den Irak. Die Türkei stand in den vergangenen Wochen immer wieder kurz davor, einen Sicherheitspuffer entlang der syrischen Grenze einzurichten.

Noch immer funktioniert der Nachschub für Assads Armee

Die Ausweisung der syrischen Botschafter aus Deutschland und anderen westlichen Ländern ist nicht mehr als eine Geste der Hilflosigkeit. Der UN-Sicherheitsrat müsste das längst fällige Waffenembargo gegen Assad erlassen und eine Seeblockade vor Syrien beschließen. Wenigstens das. Noch immer funktioniert der Nachschub für Assads Armee reibungslos. Allein in diesen Tagen sollen drei Frachter mit russischer Munition unterwegs sein. Während Russland den Westen vor einer Intervention warnt, interveniert der Putin-Staat bereits nach Kräften. Niemand riskiert eine Konfrontation mit ihm, auch aus Angst vor steigenden Ölpreisen. Zudem warnen Militärs vor den modernen syrischen Anti-Schiffs-Raketen, die einer Blockadeflotte durchaus zusetzen könnten.

Es braucht jetzt endlich größeren Druck auf die russische Außenpolitik, bevor in Syrien alle Ordnungsstrukturen zusammenbrechen. Putin wird das Verhältnis zum Westen in letzter Konsequenz nicht von einem Assad abhängig machen, nicht nach Massakern wie dem von Hula. Auch Putin weiß: Das Bündnis mit Syrien schadet Russland von Tag zu Tag mehr.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich das Grauen von Hula wiederholt. Die Weltgemeinschaft darf nicht länger tatenlos dem Töten zuschauen. Sonst teilt sie die Schuld mit den Mördern, weil sie nicht verhindert, was sie verhindern kann.

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