Nein, verstanden hat Außenminister Michael Spindelegger die direkte Demokratie nicht. Obwohl er keine Mühen scheute. Am ersten Sonntag im Mai flog er von Wien nach Glarus, wo er gespannt ein altes politisches Ritual verfolgte. Dort, an der Landsgemeinde, wo unter freiem Himmel 6.000 Männer und Frauen über ihre politische Zukunft befinden, wollte er erfahren: Wie fühlt sich solch ein Plebiszit an, über dessen Einführung in seiner Heimat plötzlich von allen Parteien heftig diskutiert wird? Also saß er bei strömendem Regen in der ersten Bankreihe neben seinem Schweizer Amtskollegen und beobachtete interessiert die Glarnerinnen und Glarner, die "hochvertrauten Mitlandleute", wie sie sich unter dem Machtschutz Gottes trafen, um "zu raten, zu mindern und zu mehren". Später diktierte er den mitgereisten Journalisten in die Notizblöcke, er wolle den Österreichern das "Schweiz-Gefühl einpflanzen, denn ein bisschen mehr Schweiz würde uns in Österreich guttun".

Ein bisschen direkte Demokratie gibt es jedoch nicht. Und einpflanzen lässt sie sich schon gar nicht. Sie muss geübt werden. Die Schweizer tun dies seit über 150 Jahren. Aber nicht mehr so wie an der Landsgemeinde von Glarus, sie ist eine Ausnahme mit Zügen ins Folkloristische. Ansonsten lebt der Schweizer seine Mitbestimmung heute sehr viel prosaischer. Er bekommt rund vier Mal pro Jahr ein graues Couvert zugeschickt, darin sind ganz viele Zettel, auf denen Fragen zu den kantonalen und nationalen Vorlagen stehen. Diese muss er mit Ja oder Nein beantworten. Dann unterschreibt er, klebt das Couvert wieder zu und bringt es zum Briefkasten. Schon ist sein Wille geäußert. Man gewöhnt sich daran.

Ja, die direkte Demokratie ist ein eingeübtes Ritual, an dem leider nur noch rund die Hälfte der Schweizer Bürger teilnimmt. Es hat den Anschein, als seien viele der Mitbestimmung ein bisschen müde. Denn sie verlangt Engagement, man muss sich in die, manchmal komplexen, Sachverhalte einarbeiten. Das braucht Zeit, die man sich nehmen muss. Aber gesamthaft gesehen, hat die direkte Demokratie große Vorteile. Und ein paar Nachteile.

Doch davon ist in der österreichischen Debatte höchstens am Rand die Rede. Während der konservative Parteichef sanft auf das Tempo drückt – ihm schwebt das Kuriosum einer Volksabstimmung über verpflichtende Volksabstimmung innert eines Jahres vor –, versucht der sozialdemokratische Koalitionspartner ihm möglichst den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nun mahnt auch ein skeptischer Bundespräsident Heinz Fischer vor direktdemokratischem Eifer. Allen ist klar: Wenn Bürger mehr Möglichkeiten haben, über die Geschicke des Landes zu entscheiden, müssen etablierte Politiker viel Macht abgeben.

Das Schweizer Beispiel ist allerdings viel komplexer, als es sich in der österreichischen Diskussion widerspiegelt. Zuerst zum Plebiszit, also der Befragung des Volkes zu einem politischen Sachverhalt. Das Ansinnen kann von oben, also vom Parlament, wie auch von unten, also vom Volk, gestellt werden. Das Plebiszit bleibt das verlässlichste Messinstrument, um gesellschaftliche Stimmungen zu ergründen. Es gibt keinen Beleg dafür, dass es den Prüfungen der globalisierten Welt nicht gewachsen wäre. Und es stärkt das Verantwortungsgefühl des Einzelnen für das Staatswesen. Plebiszite sind eine Ergänzung zu einem funktionierenden parlamentarischen Betrieb. Sie unterstützen das politische Echolot, indem sie Signale verstärken, welche die Bevölkerung "nach oben" sendet. Ja mehr noch: Die direkte Demokratie ist auch eine Kontrollinstanz für die politische Klasse. Zum Wohle aller.