Burschenschafter gelten als sangesfroher Menschenschlag. Auf ihren Kneipen, wie sie ihre bierseligen Zusammenkünfte nennen, verpacken sie gerne ihre Gesinnung in einschlägiges Liedgut. Möglicherweise erklang deshalb auch bei den Heimabenden der besonders deutschnational orientierten Verbindung Olympia zu später Stunde der musikalische Appell Üb immer Treu und Redlichkeit – das alte, deutsche Volkslied repräsentiert so sehr den Wertekanon der preußischen Tugenden, dass es einst zur Ermahnung der Untertanen stündlich von dem Glockenspiel im Turm der Potsdamer Garnisonskirche intoniert wurde. Für einen prominenten Verbindungsbruder, wie es der FPÖ-Politiker und dritte Präsident des Nationalrates Martin Graf ist, steht diese Zeile durchaus im Rang eines moralischen Imperativs.

Seit vergangener Woche muss allerdings angezweifelt werden, ob der bekennende Olympionike Graf auch im zivilen Alltagsleben stets den hohen Ansprüchen seiner Kameradschaft gerecht geworden ist. In dem ORF-Magazin Report erhob die 90-jährige Rentnerin Gertrude Meschar den Vorwurf, sie sei von dem freiheitlichen Mandatar "überrumpelt" und "reingelegt" worden und könne daher nun nicht mehr über ihre Lebensersparnisse, Geld- und Sachwerte in der Höhe von rund einer Million Euro, verfügen.

Vor mehr als fünf Jahren habe sie Graf, damals ein bürgernaher Lokalpolitiker in Wien-Donaustadt, dessen Bekanntschaft sie in ihrem Zeitungsladen gemacht hatte, um seinen Beistand gebeten. Er sollte ihr helfen, für einen sorgenfreien Lebensabend vorzusorgen. Der Jurist Graf sei gern zu Diensten gewesen: Er überzeugte die alleinstehende Frau, ihr gesamtes Vermögen inklusive ihres Häuschens an der Alten Donau, in eine Privatstiftung zu überführen, in der nun einzig und allein Graf und seine Burschenschafter-Freunde alle Entscheidungen treffen durften. Sie selbst bekomme nun lediglich 400 Euro im Monat ausgeschüttet, nicht einmal Theaterbesuche könne sie sich jetzt mehr leisten. Der Generalbevollmächtigte Graf hingegen investierte ohne Kenntnis der Stifterin das gesamte Stiftungsvermögen in ein Immobiliengeschäft, bei dem ausgerechnet Anteile an jenem Haus erworben wurden, in dem sein Bruder Michael das Familienwirtshaus der Grafs betreibt. "Der denkt sich wahrscheinlich", klagte die rüstige Dame im Fernsehen, "die wird hoffentlich nicht mehr lange leben."

Selbstverständlich entgegnete Graf entrüstet, alles sei rechtens und gesetzeskonform. Das juristische Nachspiel der Stiftungsaffäre beschäftigt nun die Gerichte und zieht sich vermutlich noch geraume Zeit in die Länge. Bis zu einem Urteil steht nun der Verdacht samt notorischer Unschuldsvermutung im Raum, der höchste Funktionsträger der Freiheitlichen könnte eine hilflose Oma abgezockt haben.

In einer Zeit, in der sich der Vertrauensverlust in die politische Kaste des Landes epidemisch ausbreitet, bringt Martin Graf dadurch seine Partei, die sich gerne mit dem Attribut einer reinigenden Kraft schmückt, in arge Verlegenheit. Zwar eilte ihm sofort die freiheitliche Parteispitze zu Hilfe, doch ihre Unterstützungsbekundungen klangen auffällig halbherzig. Der anhaltend starke Zuspruch, den die FPÖ in Meinungsumfragen findet, scheint durch die schmutzige Geschichte über die sauberen Geschäfte bedroht zu sein – und dadurch auch das Kanzler-Projekt von Parteiführer Heinz-Christian Strache. Zur Gefahrenabwehr wurden deshalb in der Vergangenheit Belastungsposten, die sich bloß ein paar blöde Sprüche zuschulden hatten kommen lassen, meist relativ pietätlos entsorgt.

Doch der Rechtsaußen Martin Graf ist parteiintern ein viel gewichtigeres Kaliber. Ihn, wenn auch nur aus kosmetischen Gründen, aus der vordersten Front zu manövrieren dürfte die Durchsetzungskraft der nominellen FPÖ-Führung bei Weitem überfordern. Das Machtzentrum der Freiheitlichen hat sich seit einiger Zeit zu der Burschenschaftertruppe verlagert, deren unerschrockenes Aushängeschild der umstrittene dritte Präsident des Nationalrates ist. Deshalb überstand er auch unbeschadet alle Eskapaden, die sich in seiner Umgebung abspielten. Ob nun seine Büromitarbeiter mit dem Neonazi-Milieu in Berührung gerieten oder seine Verbindungsbrüder mit ihren völkischen Ritualen turbulente Proteste auslösten, die Forderung, Graf deshalb aus seiner repräsentativen Spitzenposition abzuwählen, blieb ein parlamentarisches Minderheitenprogramm. Regelmäßig verschlossen die Regierungsparteien, die ihn ja sehenden Auges mitgewählt hatten, ihre Ohren.

Ebendieser Punkt könnte aber leicht zu einem Problem für die FPÖ werden. Erstmals kommt Bewegung in die Debatte. Selbst die Volkspartei überlegt, nun eine gesetzliche Voraussetzung für die Abwahl eines Mitglieds des Parlamentspräsidiums, die derzeit nicht vorgesehen ist, zu schaffen. Eine andauernde Diskussion, die durch die Stiftungsaffäre von Martin Graf ausgelöst wurde, würde die Freiheitlichen insgesamt in die Defensive drängen und die alte Dame, die bitter darüber klagt, wie sehr ihr Vertrauen missbraucht worden sei, in wacher Erinnerung halten. Kein schönes Lied.