Noch immer leistet sich Deutschland sehr viele Krankenhausbetten – unter 39 OECD-Staaten belegt das Land Platz vier. Der Druck auf die Hospitäler, diesen Bettenberg abzubauen, ist enorm. Für manche Häuser ist da jeder zusätzliche Patient hochwillkommen. Und so verwundert eine Meldung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) nicht: "Fangprämien sind im deutschen Gesundheitswesen keine Ausnahme." Statt medizinischer Argumente entscheiden angeblich Prämiengelder oder Sachleistungen, zu welchem Arzt, zu welcher Klinik oder welchem Hilfsmittelerbringer Patienten gelenkt werden.

Doch die Meldung hält einer genauen Prüfung nicht stand. Was die GKV bei dem Economy & Crime Research Center der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Auftrag gegeben hatte, war eine repräsentative Umfrage. Daraufhin interviewten diese telefonisch 1141 niedergelassene Fachärzte, leitende Angestellte von stationären Einrichtungen sowie nicht-ärztliche Leistungserbringer. Gefragt wurde allerdings nicht, "Haben Sie schon einmal Patienten gegen eine Geldprämie in ein Krankenhaus überwiesen?", sondern wie hoch Ärzte den Anteil von Kollegen einschätzten, die Patienten gegen "wirtschaftliche Vergütungen" an Hospitäler überwiesen. Das Ergebnis konnte nicht mehr liefern als ein Profil des Hörensagens.

Nun ist es den Verfassern der Studie unangenehm, dass die auftraggebenden Krankenkassen ihre Arbeit mit Worten wie "Fangprämie" zuspitzten. Für die kritisierte Ärzteschaft hingegen war der halb gare Vorstoß eine Steilvorlage – die der Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery auf dem Ärztetag vergangene Woche umgehend zum Gegenangriff nutzte: "Der Versuch der Krankenkassen, … eine Skandalisierung des ärztlichen Berufsstandes zu initiieren, ist gleichermaßen platt wie populistisch." Solange die Krankenkassen nicht konkreter würden, ließ er wissen, sähe er keine Notwendigkeit für Nachforschungen.

Damit macht es sich der Präsident zu leicht. Denn der Leiter der Studie, Kai-D. Bussmann, hält die Resultate für eine aufschlussreiche Selbsteinschätzung einer Berufsgruppe. Ärzte und Hospitäler profitierten von "Fangprämien", sagt er, deshalb packe keiner persönlich aus. Die vorliegenden Indizien müssten genügen, damit die Standesorganisation der Ärzte von sich aus aktiv würde. Denn das lässt sich der Studie eben nicht absprechen: Sie liefert starke Hinweise auf Mauscheleien.