Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", so beginnt die Bibel. "Und die Erde war wüst und leer. Und es war finster auf der Tiefe." Und ich war dabei. Ich erlebte die Schöpfung, in der Wüste, herrgottsfrüh um fünf. "Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besonderen Orten, dass man das Trockene sehe." Und das Trockene erschien, aus Finsternis und Stille. Hinter schwarz getürmten Felskathedralen erhob sich der Tag. Er rötete den Canyon, er entbarg die Spuren der Nacht. Fuchstatzen und Vogelkrallen durchzogen den Sand, dazu eine Menschenfährte, denn törichterweise lief ich barfuß.

Ein Kindervers drängte sich ins biblische Gefühl: Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen. Rasch zurück! Ungebissen erreichte ich das Lager der vergangenen Nacht. Das Feuer schwelte noch. Lange hatten wir palavert und getrunken, am Ufer des Lake Powell, eingerahmt von den Felswänden des Glen Canyon. Unser indianischer Führer und Bootsmann erzählte von der Zeit, bevor die Flut kam und die Schlucht mit Wasser füllte...

Wo sind wir überhaupt? In Arizona. Diese Urlandschaft der Erde bildet nach Alaska und Hawaii den jüngsten Staat der USA. Erst gestern, 1912, stieß Arizona zu den Vereinigten Staaten. Ein Jahrhundert Bundesstaat also – aber vielleicht sollte man statt dieses Kindergeburtstags lieber die Jahrmillionen feiern, die Arizonas mehr als 50 Canyons schon existieren, oder gleich die Ewigkeit. So wollen wir es machen. Wir wollen zu den Schluchten reisen und auch zum Großen Abgrund, dem Grand Canyon.

Auch den Kakteen wird es zu kalt

Arizonas Hauptstadt Phoenix empfängt mit abendlicher Hitze. Am nächsten Morgen besteigen zwölf Canyon-Pilger einen Van. Chauffeur ist Charlie Waller, ein hiesiger Hüne. Wir fahren gen Nordosten, immer bergan, durch rotgerölliges Land. Bald durchqueren wir die Sonora-Wüste. Zwischen struppigem Gebüschel wacht vielarmig die Infanterie der Kakteen. Bevor den Riesen Arme wachsen, sind sie hundert Jahre alt. Wie Hände sprießen weiße Blüten aus den Stümpfen. Am Horizont erschimmern schneebedeckte Gipfel. Die Kakteenlandschaft endet. Oberhalb von 1.200 Metern wird es den Riesen zu kalt.

Nach drei Stunden verlassen wir den Highway 87 und fahren Schotterpiste. Charlie annonciert einen Canyon in Privatbesitz und ein paar echte Männer des Südwestens. Wir rollen durch das Gatter der Rock Art Ranch von Brantley Baird . Uns ist, als beträten wir einen klassischen Western. Der hagere Senior begrüßt uns, nebst Tochter Sandy und seiner bejahrten Ranch Hand Clem Rogers. Seit 1948 betreibt Baird die zaunlose Farm, auf der er Rinder und Büffel hält. Der Greis zeigt das hundertjährige bunk house, einst Schlafschuppen der Cowboys, geziert von gehörnten Rinderschädeln. Das Haupthaus lässt sich als Tanzdiele mieten, in einem Seitenraum präsentiert Bairds Museum antike Töpferei der Native Americans und Waffen. Zettel kommentieren: "Dieses Gewehr stammt aus dem Navajo-Reservat. Die Indianer sagen, damit wurde nur ein weißer Mann erschossen." – "Großvater kam mit dieser Pistole als einer der ersten Pioniere aus Utah. Er sagte immer, er sei so dankbar, dass er sie niemals gegen Indianer benutzen musste. He loved the Indians ."

Hispano-indianische Kunst am Bau

Sandy Baird, Tochter und Cowgirl, springt in den Pick-up-Truck und fährt voraus in Richtung Chevelon Canyon. Wir folgen ihrer roten Wolke. Inmitten der stiebenden Dürre grünt eine Schlucht. Hier fließt ganzjährig Wasser. Wir klettern hinab. Uns gehen die Augen über – auf den zweiten Blick. Die schwarzen Felsen sind bedeckt von Petroglyphen: Bildkerbungen, die vor 8.000 Jahren von den Anasazi-Indianern in die mineralische Patina des Kalksteins geritzt wurden. Man erkennt Tiere und Menschen, die Jagd, eine Hochzeit, Feuer... Die Archäologen seien begeistert, sagt Sandy. Ursprünglich habe ihr Vater den Canyon auf seinem Land für jedermann offen gehalten. Dann seien Typen aus Winslow und Holbrook gekommen, hätten hier Saufpartys gefeiert und auf die Felsbilder geschossen. And that was it . Seither müssen Besucher sich anmelden.

Weiter, nach Winslow. Das Städtchen verdankt seinen Ruhm der ungleich jüngeren Geschichte. Hier lokalisierte Jackson Browne seinen Song Take It Easy , den die Eagles 1972 zum Welthit machten. Charlie spielt ihn im Van: "Standin’ on the corner in Winslow Arizona with such a fine sight to see..." Browne erspähte eine Hippie-Madonna: "It’s a girl my lord, in a flatbed Ford, slowin’ down to take a look at me..." Die Verse dekorieren den Eckladen an der bollerigen Route 66 . Einst Drugstore, bietet er heute Nostalgie-Klimbim. Wir steuern das historische Hotel La Posada an, erbaut 1930 von Mary Colter . Die große Architektin des Südwestens schuf im Auftrag der Fred Harvey Company fantastische Quartiere entlang der Santa-Fe-Eisenbahn, um den Tourismus anzukurbeln. La Posada, ihr Meisterstück, prunkt mit hispano-indianischer Kunst am Bau. Im Turquoise Room, unter den Leuchtfenstern der Hausheiligen San Pasqual, San Isidro, Santa Barbara speisen wir Churro-Lamm aus dem Navajo-Reservat, während der Chefkoch John Sharpe erzählt, wie 1880 die US-Regierung die Ausrottung der Navajo beschloss, ihre Herden metzelte, die Felder verbrannte... Und nun das köstliche Dessert.