Es soll Menschen geben, die es rund um Hamburg platt und öde finden, das Wetter zu feucht und die Norddeutschen charmefrei. Nur die Nähe zum Wind lassen sie gelten. In einer Stunde am Meer – das hat was. Und in weniger als einer Stunde mit einem McLaren-Rennwagen in Timmendorfer Strand – das hat was Großes. Vom Flughafen aus könnte es klappen: Mit Glück steht man am Meer, bevor die Sonne wieder weg ist.

Der MP4-12C ist das Gegenteil von einem Nützling, der einen undramatisch vom Start ans Ziel trägt. Das merkt man schon am Namen: Wer heißt denn sonst schon so wie ein akuter Befehl zum Schiffeversenken? In diesem Hochleistungsgefährt geht es ums Dazwischen, um das Genießen des Weges. Aber wir müssen schnell zur Autobahn, die Meeressehnsucht drängt. Ein sanftes Streicheln über den Lack, ungefähr da, wo sonst ein Türgriff sitzt. Hat man den magischen Punkt erwischt, fährt die Schmetterlingstür lautlos nach oben – und es klicken die ersten Passantenhandys: "Can I take a picture?" Auch unter Videoüberwachung gelingt das Hineinwinden in das edelst reduzierte Cockpit ohne Peinlichkeit. Gereifte Knochen fühlen sich von den Sitzschalen angenehm gestützt.

Erleichterung: Es gibt ein Lenkrad! Außerdem eine Automatikschaltung, die dem Rennwagenazubi alles Schwierige abnimmt. Wer ob der PS-Zahl von 600 und einer möglichen Höchstgeschwindigkeit von 330 km/h im Vorfeld eine gewisse Beklemmung verspürt haben mag, der wird am Steuer ganz schnell ganz ruhig: Das Raubtier ist gezähmt und lenkt sich so einfach wie ein Bobbycar.

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Zumindest im Normalmodus. Es gibt da noch so einen Knopf auf der Mittelkonsole für, zweitens, den Sport- und, drittens, den Trackmodus. Dann strafft sich per Hydraulik das federnde Muskelpaket unter dem Carbonmantel, der Sound schwillt an ins Aggressive, und das Geschöpf offenbart seine einprogrammierten Werwolfgene. Oha! Mit Tempo 220 auf dem Weg ans Meer – aber nur sehr kurz, dann kommt wieder so ein Schild mit rotem Rand, das man unter diesen Umständen nur als lästig empfinden kann. Darum braucht man den Knopf auch nur auf der Nordschleife des Nürburgrings. 1 Stunde 7 Minuten. Nein, an ihm lag es nicht, dass wir das Stundenlimit überschritten haben. Der MP-Dingsbums hätte gekonnt. Und wie er gekonnt hätte! Wenn die Schilder ihn gelassen hätten. Brumm.

Am Ziel scheint die Sonne, die Ostsee liegt graugrün und schwappt.

Technische Daten

Motorbauart: 8-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 441 kW (600 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 3,3 s
Höchstgeschwindigkeit: 330 km/h
CO2-Emission: 279 g/km
Durchschnittsverbrauch: 11,7 Liter
Basispreis: 200.000 Euro 

Iris Mainka ist Chefin vom Dienst bei der ZEIT