Kürzlich machte ich einer Neunjährigen ein Kompliment, wie gut ihr ihre Sonnenbrille stehe. Als sie darauf ihren Kopf beschämt zur Seite drehte und auf den Boden blickte, bekam sie von ihrem amerikanischen Au-pair-Mädchen eine scharfe Verwarnung: Sie möge sich doch bitte für das Kompliment bedanken.

Ich war fast ein wenig erschrocken, auf jeden Fall überrascht über diese Reaktion und musste erst nachdenken, bis mir aufging, dass es tatsächlich einen fundamentalen Graben zwischen deutschen und amerikanischen Sitten gibt: Während man sich in den USA überschwänglich, mit strahlendem Gesicht und erkennbar gehobener Laune für ein Kompliment bedankt, versucht man in Deutschland in einem aberwitzigen Parallelakt aus Bescheidenheit und Geziertheit, das Kompliment rückgängig zu machen, es am Besten aus der Welt zu schaffen. Rühmt man die Schönheit einer Halskette, die eine Dame trägt, wird diese wie peinlich berührt und mit asthmatischem Aufatmen und einem alles relativierenden Zungenschnalzen antworten: "Ach, das ist doch nicht der Rede wert, die Kette habe ich vor zig Jahren von einer Großtante geerbt, an die ich mich eigentlich gar nicht mehr erinnern kann, aber every now and then trage ich sie eben."

Nach einer solchen Antwort sind dann beide, der Komplimente-Macher wie der Komplimente-Empfänger, auf ein realistisches Niveau der Freudlosigkeit zurechtgestutzt.

Berlins kulturell-gesellige Sitten werden ja immer stark von seinen Zuwanderern geprägt. Die Amerikaner stellen da seit einigen Jahren eine ganz wesentliche Zivilisierungsmacht dar. Deshalb ist die American Academy am Wannsee so ein herausgehobener Ort und wird von der Berliner Gesellschaft so geliebt: weil dort die schönsten Verhaltensformen der Amerikaner auf anmutige Weise zu beobachten sind und man dann sofort die Hoffnung hat, das könnte in einem zweiten Akt der Reeducation auf Deutschland abfärben. Berühmt sind die zweimal im Jahr stattfindenden Abende, an denen die neuen Fellows der Academy vorgestellt werden. Den deutschen Gästen gehen dann immer die Augen vor Staunen über, wenn das Dutzend Professoren, Künstler und Schriftsteller in jeweils drei Minuten so anregend, witzig und geistreich von ihren Forschungsvorhaben reden, dass man sich sofort in das entsprechende Fach immatrikulieren möchte und den jeweiligen Professor für einen zweiten Harald Schmidt hält, was Schlagfertigkeit betrifft. Der akademische Stil hat da auch immer etwas mit Esprit und Begeisterungsfähigkeit zu tun.

Schon der Direktor der Academy, Gary Smith, ist eine für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Kombination aus Walter-Benjamin-Jünger und Salonlöwen, aus Schöngeist und politischem Strippenzieher, der die ganze ruhmreiche und grau melierte amerikanische Führungselite von Richard Holebrook bis Bill Clinton immer wieder an den Wannsee holt. In der vergangenen Woche verlieh die Academy den Henry A. Kissinger Prize an den früheren Außenminister George P. Shultz. Die Verleihung fand im Auswärtigen Amt statt, Guido Westerwelle gefiel sich in der Rolle des Gastgebers, Helmut Schmidt war der Laudator, und der Namensgeber des Preises selbst sprach, und zwar in einem so mümmelnd-hingefläzten Englisch, dass weder Amerikaner noch Deutsche auch nur ein Wort verstanden...

Eine schöne Sitte der Academy sind auch die Dinner-Einladungen der Fellows für ihre neuen Berliner Bekanntschaften. Der Koch der Academy ist berühmt, und die Lage am Wannsee, während am gegenüberliegenden Ufer die Sonne untergeht, immer wieder erhebend. Ebenfalls in der vergangenen Woche lud der Literaturwissenschaftler und Nabokov-Kenner Leland de la Durantaye zum Dinner. Ein Platz am Tisch war noch offen für einen verspäteten Gast, der erst kurz vor dem zweiten Gang eintraf. Es war Nicholas Kulish, der Berlin-Korrespondent der New York Times (und ausnahmsweise mal einer, der fließend Deutsch spricht...). Wie es ihm gelang, in einer bereits gesetzten Runde leise dazuzustoßen und sofort mit der beiläufigsten Offenheit mit seinen fremden Tischnachbarn die Konversationsfäden aufzunehmen, war wieder ein Beispiel für die Überlegenheit amerikanischer Small-Talk-Kultur. So wird die Academy immer mehr zu einer Berliner Schule des Salons.