Die Wilden

Jedes zweite in Deutschland getrunkene Bier ist ein Pils. Wie langweilig! Die Welt ist groß, und wilde Geschmäcke gibt es überall. Die nach altem Feudel, räudigem Kater und verranztem Murmeltier zum Beispiel. Die will der Dichter Matthias Politycki auf der Zunge gehabt haben, als er sich für seinen Lyrikband London für Helden durch diverse Pubs im East End der britischen Hauptstadt soff. Dabei wagten sich der Dichter und sein Saufkumpan bei ihren Expeditionen ins Bierreich nur in die Randbezirke der Geschmacksverirrung; britisches Ale, Stout oder Lager sind ja noch halbwegs zivilisierte Getränke, wenn auch etwas schwach auf der Brust. Andernorts grenzt die Experimentierfreude schon an Bierquälerei.

In Belgien zum Beispiel. In Het Waterhuis aan de Bierkant in Gent reicht man zum flandrischen Nationalgericht Waterzooi, der Wassersuppe, statt der Wein- eine Bierkarte, mit gefühlten 250 Sorten. Was die Suppe an Substanz vermissen lässt, wird im Humpen zugeliefert: Variationen vom Gerstensaft, so nahrhaft, dass man zum Verzehr besser nach Messer und Gabel fragt. Problemlos lässt sich hier ein Drei-Gänge-Menü komponieren, mit dem das Essen überflüssig wird: Als Vorspeise ein Kwak, erfunden 1791, serviert im speziell geformten Kutscherglas, das in eine Haltevorrichtung direkt am Kutschbock (oder in der Getränkehalterung moderner Kraftfahrzeuge) eingehängt werden kann. Zum Hauptgang ein Torhouts Mostaard, ein Bier mit Senf, das spart die Wurst auf dem Teller. Und zum Dessert die "Stille Nacht" von De Dolle Brouwers, Belgiens Dickstes, dessen Aroma Biersommeliers (ja, auch so was gibt es) an "ein sehr feines Bonbon mit Frucht- und Karamellnoten" erinnert. Gibt es zwar nur um Weihnachten herum, bei einem Alkoholgehalt von zwölf Prozent spart man aber auch den Digestif.

Warum gerade das kleine Belgien zum artenreichen Galápagos des Gerstensaftes werden konnte, lässt sich historisch noch einigermaßen erklären: Das Vandervelde-Gesetz von 1919 verbot den Bar-Verkauf von harten Drinks, woraufhin einfach der Alkoholgehalt im Bier erhöht wurde.

Immerhin handelt es sich hierbei noch um richtiges Bier. Was aber hat die Menschheit zwischen Kenia und Japan dazu gebracht, Seetang-, Wassermelonen-, Paprika-, Kürbis-, Kokosnuss-, Bananen-, Schokoladen- und Tee-Bier zu erfinden? Langeweile am Braukessel? Einfach die Tatsache, dass es geht? Die Mission, alle anderen Nahrungsmittel überflüssig zu machen? Besonders einfallsreich zeigt sich die Harpoon Brewery aus Boston. Ihre "100 Barrel Series" ist das Produkt einer wahren Hexenküche, in der alle paar Monate ein neuer Zaubertrank wie das Island Creek Oyster Stout angerührt wird – warum Austern schlürfen, wenn man sie als Bier trinken kann? Aber auch Varianten mit Himbeere, Pfirsich und Ingwer haben sich die Amerikaner – inspiriert von einer Reise nach Belgien – ausgedacht. Und damit Deutschland jetzt keinen Minderwertigkeitskomplex bekommt: Auch bei uns haben sich die Amis was abgeschaut, heißt "Rauchfetzen", ein Ale, inspiriert von geräuchertem Malz aus Bamberg. Dass die Neuweltler sich, gewohnt kulturimperialistisch, einfach überall bedienen, zeigen das Mamma-Mia-Pizza-Bier aus Chicago und das Doughnut-Bier aus Newport, Oregon. Kein Wunder, dass bei solchen Attacken auf den guten Geschmack nicht mal die Webseiten der Brauereien jugendfrei sind: Wer sich online in diesen Gruselkellern umsehen will, muss 21 Jahre alt sein .

Das gilt auch für Samuel Adams "Utopia", ein einzigartiges Gebräu, konstruiert mithilfe einer "Bücherei aus Fässern", in denen zuvor Portwein oder Whiskey gelagert wurden. Das Endergebnis ist eine Art Cognac-Bier, serviert in einer Keramikflasche für rund 200 Dollar das Stück. Mittlerweile macht die US-Experimentierfreude auch dem alten Europa Beine: Seit 2010 bietet die Firma Braufactum "Manufaktur-Biere" an, zum Beispiel das Xyauyù Gold: eher Sherry als Bier, ohne Kohlensäure und auch ein Jahr nach Flaschenöffnung noch genießbar.

Bei einem Preis von 30 Euro pro halbem Liter ist das vielleicht eher etwas für stille Stunden vor dem Ölbild überm Kamin. Aber die Brauindustrie sorgt sich auch um die Geselligkeit und vergisst dabei nicht mal den besten Freund des Menschen, den Hund. Lucky Dog heißt hier das Getränk der Wahl, naturgemäß aus Belgien, vier Flaschen für 9,60 Euro – auf dass Herr und Hund gemeinsam was zu schlabbern haben. Und sage keiner, dass jetzt die Katzenfreunde diskriminiert werden: Aus Japan kommt Bilk – zwei Drittel Bier, ein Drittel Milch. Prost Mahlzeit! Christof Siemes