Die Wilden

Jedes zweite in Deutschland getrunkene Bier ist ein Pils. Wie langweilig! Die Welt ist groß, und wilde Geschmäcke gibt es überall. Die nach altem Feudel, räudigem Kater und verranztem Murmeltier zum Beispiel. Die will der Dichter Matthias Politycki auf der Zunge gehabt haben, als er sich für seinen Lyrikband London für Helden durch diverse Pubs im East End der britischen Hauptstadt soff. Dabei wagten sich der Dichter und sein Saufkumpan bei ihren Expeditionen ins Bierreich nur in die Randbezirke der Geschmacksverirrung; britisches Ale, Stout oder Lager sind ja noch halbwegs zivilisierte Getränke, wenn auch etwas schwach auf der Brust. Andernorts grenzt die Experimentierfreude schon an Bierquälerei.

In Belgien zum Beispiel. In Het Waterhuis aan de Bierkant in Gent reicht man zum flandrischen Nationalgericht Waterzooi, der Wassersuppe, statt der Wein- eine Bierkarte, mit gefühlten 250 Sorten. Was die Suppe an Substanz vermissen lässt, wird im Humpen zugeliefert: Variationen vom Gerstensaft, so nahrhaft, dass man zum Verzehr besser nach Messer und Gabel fragt. Problemlos lässt sich hier ein Drei-Gänge-Menü komponieren, mit dem das Essen überflüssig wird: Als Vorspeise ein Kwak, erfunden 1791, serviert im speziell geformten Kutscherglas, das in eine Haltevorrichtung direkt am Kutschbock (oder in der Getränkehalterung moderner Kraftfahrzeuge) eingehängt werden kann. Zum Hauptgang ein Torhouts Mostaard, ein Bier mit Senf, das spart die Wurst auf dem Teller. Und zum Dessert die "Stille Nacht" von De Dolle Brouwers, Belgiens Dickstes, dessen Aroma Biersommeliers (ja, auch so was gibt es) an "ein sehr feines Bonbon mit Frucht- und Karamellnoten" erinnert. Gibt es zwar nur um Weihnachten herum, bei einem Alkoholgehalt von zwölf Prozent spart man aber auch den Digestif.

Warum gerade das kleine Belgien zum artenreichen Galápagos des Gerstensaftes werden konnte, lässt sich historisch noch einigermaßen erklären: Das Vandervelde-Gesetz von 1919 verbot den Bar-Verkauf von harten Drinks, woraufhin einfach der Alkoholgehalt im Bier erhöht wurde.

Immerhin handelt es sich hierbei noch um richtiges Bier. Was aber hat die Menschheit zwischen Kenia und Japan dazu gebracht, Seetang-, Wassermelonen-, Paprika-, Kürbis-, Kokosnuss-, Bananen-, Schokoladen- und Tee-Bier zu erfinden? Langeweile am Braukessel? Einfach die Tatsache, dass es geht? Die Mission, alle anderen Nahrungsmittel überflüssig zu machen? Besonders einfallsreich zeigt sich die Harpoon Brewery aus Boston. Ihre "100 Barrel Series" ist das Produkt einer wahren Hexenküche, in der alle paar Monate ein neuer Zaubertrank wie das Island Creek Oyster Stout angerührt wird – warum Austern schlürfen, wenn man sie als Bier trinken kann? Aber auch Varianten mit Himbeere, Pfirsich und Ingwer haben sich die Amerikaner – inspiriert von einer Reise nach Belgien – ausgedacht. Und damit Deutschland jetzt keinen Minderwertigkeitskomplex bekommt: Auch bei uns haben sich die Amis was abgeschaut, heißt "Rauchfetzen", ein Ale, inspiriert von geräuchertem Malz aus Bamberg. Dass die Neuweltler sich, gewohnt kulturimperialistisch, einfach überall bedienen, zeigen das Mamma-Mia-Pizza-Bier aus Chicago und das Doughnut-Bier aus Newport, Oregon. Kein Wunder, dass bei solchen Attacken auf den guten Geschmack nicht mal die Webseiten der Brauereien jugendfrei sind: Wer sich online in diesen Gruselkellern umsehen will, muss 21 Jahre alt sein .

Das gilt auch für Samuel Adams "Utopia", ein einzigartiges Gebräu, konstruiert mithilfe einer "Bücherei aus Fässern", in denen zuvor Portwein oder Whiskey gelagert wurden. Das Endergebnis ist eine Art Cognac-Bier, serviert in einer Keramikflasche für rund 200 Dollar das Stück. Mittlerweile macht die US-Experimentierfreude auch dem alten Europa Beine: Seit 2010 bietet die Firma Braufactum "Manufaktur-Biere" an, zum Beispiel das Xyauyù Gold: eher Sherry als Bier, ohne Kohlensäure und auch ein Jahr nach Flaschenöffnung noch genießbar.

Bei einem Preis von 30 Euro pro halbem Liter ist das vielleicht eher etwas für stille Stunden vor dem Ölbild überm Kamin. Aber die Brauindustrie sorgt sich auch um die Geselligkeit und vergisst dabei nicht mal den besten Freund des Menschen, den Hund. Lucky Dog heißt hier das Getränk der Wahl, naturgemäß aus Belgien, vier Flaschen für 9,60 Euro – auf dass Herr und Hund gemeinsam was zu schlabbern haben. Und sage keiner, dass jetzt die Katzenfreunde diskriminiert werden: Aus Japan kommt Bilk – zwei Drittel Bier, ein Drittel Milch. Prost Mahlzeit! Christof Siemes

Tradition wird großgeschrieben

Die Alten

In der Abfüllhalle der bayerischen Traditionsbrauerei Weihenstephan geht es laut zu. Tausende und Abertausende brauner Glasflaschen sausen durch die Maschine, stoßen klirrend aneinander. Die Charge Weißbier, die gerade abgefüllt wird, ist für die USA bestimmt. "The Worlds oldest Brewerie" steht auf dem Etikett. Die Amis lieben nicht nur Bier aus Bavaria, sondern alles, was alt ist. Oder zumindest alt aussieht.

Tradition wird bei vielen deutschen Brauereien großgeschrieben. In den vergangenen Jahren sei ein regelrechter Wettkampf ausgebrochen, schreibt der Historiker Jörg Spengler im Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte des Brauwesens. Mit einer Jahreszahl als "Gütezeichen" versuchen sich die Markenbrauereien vom Billig-Bier in den Supermärkten abzugrenzen und ihre höheren Preise zu rechtfertigen – je älter, desto besser.

Den Titel der "ältesten Brauerei der Welt" beansprucht unangefochten die Staatsbrauerei Weihenstephan. Sie liegt auf einer kleinen Anhöhe gegenüber der alten Bischofsstadt Freising bei München. Hier stand einst eine Benediktinerabtei. Mönche sollen bereits seit dem Jahr 1040 an diesem Ort Bier gebraut haben. Inzwischen handelt es sich aber um einen Regiebetrieb des Freistaates Bayern.

Als "älteste Klosterbrauerei der Welt" vermarktet sich die Brauerei des noch existenten Klosters Weltenburg bei Ingolstadt. Ebenfalls in Bayern liegt die Schlossbrauerei Herrngiersdorf, die als "älteste Privatbrauerei der Welt" firmiert. Damit nicht genug: Mit der Spitalbrauerei beherbergt Regensburg die "älteste Stiftungsbrauerei der Welt". Und die kleine Privatbrauerei Zötler aus Rettenberg im Allgäu beansprucht das Prädikat des "ältesten Familienunternehmens in Deutschland".

So viel Tradition sollte jedem Bierfreund schon vor dem ersten Schluck Ehrfurcht einflößen. Allerdings nimmt es die ein oder andere Brauerei mit den historischen Quellen nicht ganz so genau. Noch bis in die fünfziger Jahre hatte die Brauerei Weihenstephan ihre Gründung auf das Jahr 1146 datiert. Dann aber tauchte eine Urkunde auf, in der Bischof Otto I. von Freising das bisher in der Stadt ausgeübte Braurecht in das Kloster verlegt. Doch dieses angeblich aus dem Jahr 1040 stammende Dokument entlarvten Historiker später als plumpe Fälschung aus dem 17. Jahrhundert. "Definitiv belegt ist eine Brauerei in Weihenstephan erst durch die Erwähnung einer Konfirmationsurkunde von Kurfürst Ferdinand Maria aus dem Jahr 1675", schreibt Spengler.

Die Staatsbrauer zeigen sich unbeeindruckt. Chefbraumeister Frank Peifer, der Touristengruppen aus aller Welt durch die Brauerei führt, glaubt sowieso, dass die Biertradition auf dem Klosterberg noch wesentlich älter sei. Er beruft sich auf Quellen, wonach bereits im Jahre 768 in der Nähe des Klosters ein Hopfengarten existiert habe. " Hopfen braucht man , um Bier zu brauen." Es liege nahe, dass der hier angebaute Hopfen im Kloster verbraut wurde. Auf dem Gelände der Brauerei sind an verschiedenen Stellen sowohl das "alte" Gründungsjahr 1146 als auch das "neue" 1040 verewigt. Doch die meisten Besucher wollten es eh nicht so genau wissen, meint Peifer. Mit Ausnahme der Japaner. Die seien da sehr pingelig.

Legendär wurde in Historikerkreisen der Streit um das Gründungsdatum des Münchner Löwenbräu. Ein Journalist hatte um die Jahrhundertwende in alten Steuerbüchern entdeckt, dass 1383 im späteren Löwenbräu-Stammhaus in der Löwengrube ein "Erhart prewmaister" gewirkt haben soll. Seither ging die damals größte Brauerei Münchens, eine Aktiengesellschaft, mit dem ehrwürdigen Gründungsdatum hausieren. Bestätigt wurde das Ergebnis durch die Doktorarbeit eines gewissen Hermann Dihm, "pikanterweise", wie Spengler schreibt, war er der Schwiegersohn des damaligen Löwenbräu-Generaldirektors. Angestoßen durch den Chef der konkurrierenden Spatenbrauerei, wurde der Fall Anfang der achtziger Jahre noch einmal aufgerollt. Dabei stellte sich heraus, dass der erwähnte "Erhart prewmaister" im benachbarten Augustiner Brauhaus beschäftigt war. Ein Braubetrieb im Löwenbräu Stammhaus, so das Urteil der Historiker, könne bis 1524 ausgeschlossen werden. Trotzdem prangt bis heute auf dem "Löwenbräu Urtyp" der Schriftzug "seit 1383".

Die Spatenbrauerei gibt sich in dieser Frage nicht mehr ganz so bierernst wie früher. Mittlerweile hat sie nämlich mit Löwenbräu eine gemeinsame Mutter: Beide gehören zur belgischen Anheuser-Busch-InBev-Gruppe – dem größten Bierkonzern der Welt. Und das ist fast so gut wie der älteste. Georg Etscheit

Lukratives Geschäft mit Starkbier

Wo in Deutschland gibt es die meisten Kneipen per Einwohner? Um die Karte zu vergrößern, klicken Sie bitte hier

Die Starken

Immer diese Extrawünsche! "Jetzt wollen die Chinesen in vier Tagen Etiketten in ihrer Sprache haben, ich kann doch nicht hexen", schäumt Georg Tscheuschner. Wirklich nicht? Wer diesen Mann im fränkischen Gunzenhausen besucht, hält ihn eher für einen Druiden als für einen Braumeister. Manche seiner Biersorten reifen wie Whiskey in Eichenfässern, seine Hefekulturen bilden bisweilen Fruchtester, die nach Banane riechen, und wer sich einen halben Liter vom stärksten Schorschbräu gönnt, ist garantiert besoffen. Auf 57,5 Volumenprozent Alkohol bringt es die neueste Sorte, der Einfachheit halber heißt sie Schorschbock 57.

Georg ("Schorsch") Tscheuschner zählt zu den wenigen Brauern in Deutschland, die noch expandieren. Soeben hat er die ersten 1.000 Flaschen von seinem 13-prozentigen Eisbock an eine asiatische Großhändlerin verkauft. Auch in Kanada und den USA läuft das Geschäft.

Am Anfang, sagt der 44-Jährige, sei alles nur ein Jux gewesen. "Du kannst saufen studieren", empfahl sein Kumpel nach dem Abi. Gemeint war der Studiengang Brauwesen in Weihenstephan . Als Diplom-Braumeister gründete er 1996 die kleine Biermarke Schorschbräu. Doch schon damals starben Brauereien schneller als die Hefepilze in der Weißbiergärung. "Der Markt für klassische Sorten war gesättigt, Gaststätten und Kneipen waren in der Hand von Großbrauereien. Ich musste eine Nische finden."

Tscheuschner setzte fortan auf Starkbier und verkauft heute im Jahr 1.000 Hektoliter – schon die günstigste 0,33-Liter-Flasche kostet mit knapp vier Euro das Zehnfache von Discountbieren. Selbst die 43 Flaschen Schorschbock 57 konnte er weltweit an den Mann bringen. Und das zum Preis von 199 Euro je 0,3-Liter-Flasche. "Das ist nichts für Kampftrinker, sondern für Genießer", sagt Tscheuschner.

Das Geschäft mit Starkbier ist auch für andere Brauereien längst zum lukrativen Geschäft geworden. Da gibt es Mönchshof Bockbier der Kulmbacher Brauerei, Herforder Maibock, Lübzer Bock oder Feldschlößchen Urbock. Die Brauer hoffen dabei auf den Mon-Chéri-Effekt. Die Süßigkeit gibt es auch nur zu einer bestimmten Jahreszeit. Was sich über Monate rarmacht, muss am Ende besonders gut schmecken.

In Bayern klappt das bestens, dort wird vor allem zur Fastenzeit gebechert – ganz nach dem Motto: Flüssiges bricht Fasten nicht. Schon im Kloster ersetzte das gehaltvolle Bier die karge Mahlzeit. Zu den bekanntesten Marken zählt bis heute das Salvator der Paulaner Brauerei in München. Aufs Jahr und für ganz Deutschland gerechnet, ist der Starkbierausstoß mit 0,5 Prozent Marktanteil allerdings sehr gering.

Umsatzprozente sind für Tscheuschner denn auch nicht der größte Antrieb. Galt es anfangs noch, das 14-prozentige Lagerbier aus Österreich zu schlagen, kam die nächste Herausforderung vom Berliner Brauhaus Südstern: Es präsentierte ein 27,6-Prozent-Bier, gebraut nach der Eisbock-Methode. Die hatte Tscheuschner noch nie ausprobiert. Schließlich bekam er das Bier schon im einfachen Brauverfahren auf 16 Prozent. Was ohne Eisbock-Methode dann im Kessel passiert, beschreibt er so: "Der Alkohol wirkt irgendwann toxisch auf die Hefe. Wenn der Zwinger vollgeschissen ist, dann stirbt der Hund." Damit die Hefe nicht vor die Hunde ging, kühlte Tscheuschner das Bier tief und filterte die Eiskristalle aus diesem Eisbock. Übrig blieb ein Bier mit 31 Prozent Alkohol. Weltrekord!

Doch die Freude währte nicht lange. Im schottischen Fraserburgh entwickelten der 26-jährige Martin Dickie und sein ebenso junger Geschäftspartner James Watt ein Bier, das mit 32 Prozent fast den Alkoholgehalt eines guten Scotch aufwies. Tscheuschner schlug mit 40 Prozent zurück, was die Briten wiederum anspornte. Sie schafften noch ein Prozent mehr. Sink the Bismarck nannten sie ihr neues Starkbier. Tscheuschner tüftelte, filtrierte, zentrifugierte und brachte es schließlich auf den Alkoholanteil von 57,5 Prozent.

Sind Chinesen da nicht die falschen Kunden? Sie vertragen doch angeblich gar nicht so viel. "Ja", sagt Tscheuschner, "so heißt es." Weil so manchem Asiaten das zweite Enzym zum Alkoholabbau fehle. "Sie müssen dann langsam machen, kleine Einheiten, nur Genuss." Vor allem aber kommt in China gut an, was selbst auf dem stärksten Schorschbräu steht: Gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot. Das zählt nämlich fast so viel wie das Label made in Germany bei Maschinen. Claas Tatje

Marktforschern zufolge mögen Frauen es gern milder, zarter, gern auch ein wenig spritzig

Die Femininen

Es gibt ein Erfrischungsgetränk, das im Wesentlichen aus Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser besteht. Das Getränk macht lustig und die Zunge meist ein bisschen träge, weshalb sich die Menschen im Laufe der Jahrhunderte angewöhnt haben, es mit dem ebenso prägnanten wie einsilbigen Namen "Bier" zu bezeichnen. Und damit eines gleich klar ist: Wir haben damit angefangen.

Im Mittelalter waren es vor allem Frauen, die an den Braukesseln standen. Bei traditionellen "Bierkränzchen" kamen Freundinnen zusammen, tunkten Brotstücke in Bierhumpen und verloren geschlossen nach und nach die Fassung. Warum der Brauch irgendwann aufgegeben wurde, ist nicht überliefert. Am wenig damenhaften Rülpsen kann es nicht gelegen haben, sonst gäbe es heute bei Kaffeekränzchen wohl keinen Prosecco.

Im Gegensatz zum Wein, der weithin anerkannt als stilvolles Mittel gilt, um sich in Gesellschaft oder auch alleine zuzulöten, hat das Bier von jeher ein Imageproblem. Schon im 13. Jahrhundert kam ein italienischer Arzt zu dem Fazit: "Bier verursacht schlechten Atem, schädigt Kopf und Magen und ruiniert die Zähne." Nicht, dass das nicht auch auf Wein zutreffen würde. Aber der Mann war schließlich Italiener.

Selbst der Duden findet neben eher wertneutralen Komposita wie "Bierflasche", "Bierkasten" und "Bierkeller" nur einen einzigen positiv besetzten Ausdruck im begrifflichen Umfeld, die "Bierseligkeit" nämlich. Ansonsten stößt man auf "bierernst", "Bierarsch" und "Bierbauch". Wobei diese spezifische Auswölbung vorzugsweise bei einer Hälfte der Bevölkerung anzutreffen ist. Das mag mit dem frühen Ende der Bierkränzchen zusammenhängen.

Der deutschen Brauindustrie war der Verlust des weiblichen Kundensegments egal, solange der Pro-Kopf-Verbrauch der Republik auf stabilen 150 Litern pro Jahr vor sich hin schunkelte. Man schrieb die siebziger Jahre – eine Zeit, in der sich Männlichkeit nicht allein an der Länge fortpflanzungsrelevanter Gliedmaßen, sondern auch am Umfang der Plauze bemaß. Aber die fetten Jahre sind vorbei. Sich morgens um zehn das erste Röpi reinzupfeifen, gilt nur noch an wenigen Orten als gesellschaftsfähige Praxis, in Bordbistros der Deutschen Bahn etwa, aber das ist ein anderes Thema.

Im vergangenen Jahr jedenfalls ist der Bierverbrauch hierzulande pro Nase auf 107,4 Liter gesunken. Das reicht weltweit zwar immer noch für Platz 2 hinter Tschechien. Aber damit will man sich nicht zufriedengeben.

Seit geraumer Zeit versuchen die Brauer daher, neue Kundenschichten zu erschließen. Darunter auch uns, die Frauen. Marktforschern zufolge mögen wir es gern milder, zarter, gern auch ein wenig spritzig. Und so brachte die Bremer Brauerei Beck & Co. im Herbst 2002 eine neue Sorte auf den Markt, die sich vor allem dadurch von den Konkurrenzprodukten unterschied, dass sie in einer transparenten Flasche daherkam und mit weniger Hopfen gebraut wurde. Becks Gold nämlich. Das Bier schmeckt dadurch weniger herb und erinnerte entfernt an das mexikanische Corona. An den Tresen der Republik begann man schnell, die neue Sorte in abfälliger Absicht als "Frauenbier" zu bezeichnen. Männer haben hierzulande noch nie gut damit umgehen können, wenn Frauen von sanften Typen schwärmen.

Grundsätzlich gelten als Frauenbiere all jene Sorten, die, mit Limo, Brause oder Cola versetzt, alkoholreduziert oder sonst irgendwie verwässert sind. Warum Frauen diese Geschmacksrichtungen bevorzugen, hat vermutlich viele Ursachen. Zum Beispiel hauen wir uns auch nach erheblichem Alkoholkonsum weit seltener gegenseitig auf die Nase, als Männer es zu tun pflegen. Wer mit dieser pazifistischen Grundhaltung ans Trinken geht, sieht weniger Notwendigkeit, seine Geschmacksnerven im Laufe des Abends mit herben Bitterstoffen zu malträtieren.

Nachdem der Markt im Segment Frauenbier ein paar Jahre lang tatsächlich expandierte, scheinen die Grenzen des Wachstums erreicht. Die ursprünglich für weibliche Trinker konzipierte Marke Krombacher Extra Mild wurde schon kurz nach ihrer Einführung deutlich häufiger von Männern als von Frauen getrunken. Nachmacher.

Das Altenburger Premium Pils, von der Konsumentenvereinigung ProBier unlängst zum Bier des Jahres 2012 gewählt, wird unterdessen von Frauen gebraut, in einer thüringischen Brauerei. Das stimmt hoffnungsvoll. Es kann nicht mehr allzu lange dauern, bis wir den Kaffee und die blöden Torten endlich los sind. Haltet die Brote bereit, Schwestern! Karin C. Betancur

Ökobier in Bayern ist wie Faust auf Auge

Die Ökos

Biobier ist etwas für Männer, die sich die Beine rasieren und Flipflops tragen – oder für Frauen. Wirklich? Darf man den Vorurteilen glauben, bevorzugen die doch eher grünen Tee. Na ja, manchmal vielleicht ein Gläschen Prosecco oder ein Fläschchen Schampus. Der Absatz von Perlwein soll jedenfalls zur Zeit der Frauenfußballweltmeisterschaft sprunghaft gestiegen sein. Genaue Zahlen dazu gibt es allerdings nicht. Aber das ist ja hier auch nicht das Thema. Schließlich geht es um Bier im Allgemeinen und Ökobier im Besonderen.

Ökobier? Die meisten Anhänger des deutschen Reinheitsgebots können sich darüber nur wundern. Manchen gelten die Ökos sogar als Ketzer. Doch die entscheidende Frage nach dem Sinn ist in diesem Fall auch für bekennende Ignoranten interessant: Warum bedarf es einer ökologisch zertifizierten Variante von Bier, wenn dieses – eben wegen des Reinheitsgebots – sowieso schon rein sein muss? In Deutschland gebrautes Bier zählt zu den saubersten Lebensmitteln der Welt. Das ist der Erfolg all jener, die sich jahrzehntelang für den Erhalt der ebenso alten wie strengen Braukunst aufgerieben haben.

Die größte Niederlage brachte den Bier-Fundamentalisten der Europäische Gerichtshof bei. Als der vor 25 Jahren das deutsche Reinheitsgebot für unzulässig erklärte, da gärte es in ihren Reihen. Nicht nur die Brauer schäumten, sondern auch die passionierten Biertrinker in deutschen Landen. Sie alle witterten Verrat an jenem Gebot, das im Jahre 1516 in Bayern erlassen worden war: Allein Gerste, Hopfen und Wasser waren danach zur Produktion zugelassen. Später kam noch Hefe dazu.

Die Vorschriften schienen seinerzeit geboten, weil einige Brauer ihre Kreativität frei walten ließen. Zu frei, befand die Obrigkeit. So wurden zum Beispiel wilde Kräuter ins Bier gemischt, mit unberechenbarer Wirkung, welche die des Alkohols noch weit übertraf. Es gab einfach zu viele Verluste.

Wer gerne Weizenbier trinkt, wird sich fragen, warum zunächst nur Gerste verwendet werden durfte. Weizenbier war damals der aristokratischen Gesellschaft vorbehalten, deshalb sowieso unter strenger Kontrolle. Eine spezielle Vorschrift war deshalb überflüssig. Die kam erst später.

Das Reinheitsgebot überlebte Jahrhunderte – bis die Europäische Kommission das Thema entdeckte. Damals, man schrieb das Jahr 1987, besiegte das Verlangen nach freiem Wettbewerb den Wunsch nach reinem Bier. Das Gebot fiel nach langem Streit auf Geheiß der europäischen Richter, allerdings nur für importierte Ware. Wer in Deutschland braut, muss nach wie vor die strengen Regeln beachten.

Das alles beantwortet zugegebenermaßen noch nicht die Frage, warum trotz des mutig verteidigten Braugebots die Idee entstand, auch noch Biobier zu brauen.

Jetzt wird es leider etwas nüchtern. Das Reinheitsgebot regelt zwar, dass außer Malz, Hopfen und Hefe keinerlei Zusatzstoffe zum Einsatz kommen dürfen. Es schreibt aber nicht die Herkunft und Qualität dieser Zutaten vor. Beim Biobier müssen alle Inhaltsstoffe aus ökologischem Anbau stammen. Und das heißt: Dünger, Pestizide und Gentechnik haben in diesem Bier keine Chance. Dennoch blieb es bis heute ein Nischenprodukt.

Früher aber war alles noch viel schlimmer. Als Franz Ehrnsperger, er ist der Inhaber der Neumarkter Lammsbräu in der sechsten Generation, vor 26 Jahren begann, sein erstes Biobier zu brauen, stieß er in der Branche, vorsichtig ausgedrückt, auf wenig Verständnis. Man hielt den Brauer aus der Oberpfalz für einen Spinner. Heute hat er 18 verschiedene Sorten Biobier im Angebot und firmiert als "weltweit führende Biobrauerei".

Doch was gilt der Prophet schon im eigenen Lande? Auf dem Münchner Oktoberfest , bei dem jährlich rund sieben Millionen Maß ausgeschenkt werden, suchte man Biobier bislang vergebens. Zwar wird dort das Nachspülwasser für Bierkrüge in den Toiletten wieder verwendet. Außerdem gibt es Schokobananen und gebackene Waffeln in einer zertifizierten Biovariante. Aber Biobier kommt dort einfach nicht vor. Da helfen selbst originelle Namen nichts.

Ökologisch korrekt gebrautes Bier heißt zum Beispiel Heinz vom Stein – Der Wilde und stammt auch noch aus Bayern, nämlich von der Schlossbrauerei Stein. Den Besucher der Unternehmenswebsite begrüßt ein Zwerg in Lederhose. Hat aber nichts genützt. Ökobier in Bayern ist wie Faust auf Auge. Womit wir wieder bei den Vorurteilen wären. Gunhild Lütge