Um Punkt 20 Uhr geht der Lärm los. Hunderte von Kochlöffeln hauen auf Hunderte von Kochtöpfen. Vor ihren Häusern in den Montrealer Wohngebieten stehen die Menschen und schlagen auf Pfannen und Töpfe, der Lärm erfüllt die Stadt, jeden Tag aufs Neue. Es ist eine Protestaktion. Die Bürger wollen sagen: "Wir sind stinksauer auf euch Politiker, in dieser Gesellschaft läuft etwas falsch."

Montreal und die gesamte kanadische Provinz Québec kommen nicht zur Ruhe, seitdem Jean Charest, Premierminister der Provinz, im Februar angekündigt hat, die Studiengebühren erhöhen zu wollen. Aber um die Studenten geht es den Kochtopfklopfern nur noch am Rande, sie haben mittlerweile andere Sorgen: Sie fürchten um die Demokratie in Québec.

Schon kurz nach der Ankündigung des Premierministers hatten im beschaulichen Laval die ersten Studenten den Unterricht boykottiert. Schnell schlossen sich Montrealer Studenten an, Ende Februar streikten dann 70000, Mitte März waren es bereits Hunderttausende in ganz Québec. Viele von ihnen kommen aus anderen kanadischen Provinzen. In Alberta, Ontario oder British Columbia kostet das Studium ein Vielfaches im Vergleich zum liberalen Québec. Hier zahlt ein Student im Jahr bislang nur 2168 kanadische Dollar, rund 1700 Euro. Nach den Plänen der Regierung sollen die Gebühren innerhalb von fünf Jahren auf knapp 3800 Dollar pro Jahr steigen. "Unbezahlbar", sagen die Studentenorganisationen und fordern eine Fortsetzung der liberalen Gebührenpolitik.

An einen geregelten Studienbetrieb ist nicht mehr zu denken. Vor allem der Großraum Montreal kommt nicht zur Ruhe. Zehntausende Studenten ziehen seit Monaten regelmäßig durch die Innenstadt und legen das öffentliche Leben lahm. Verhandlungen zwischen Regierung und Studenten verliefen ergebnislos. Mitte Mai gibt Bildungsministerin Line Beauchamps entnervt auf. Ihren Rücktritt begründete sie mit den Worten: "Ich habe das Vertrauen in den Willen der Studentenvertreter verloren, eine Lösung aus dieser Situation zu finden."

Kann es eine solche Lösung denn noch geben? Keine Seite will nachgeben, und der Protest radikalisiert sich zunehmend. In der U-Bahn wurde eine Rauchbombe gezündet, nachts zerbersten Schaufenster, Molotowcocktails fliegen. "Nichts rechtfertigt Gewalt", sagt Premierminister Charest und gibt sich als Hardliner. Er hetzt seine Bereitschaftspolizisten auf die Streikenden, mit Schlagstöcken und Tränengas: bürgerkriegsähnliche Zustände in Downtown Montreal.