Versprochen wird großes Drama: "Abgetrieben, um zu leben!" lautete der Titel einer Geschichte im Sonntags-Blick. Auf sechs Seiten bekannten sich sieben Schweizerinnen und ein Schweizer dazu, ein Kind abgetrieben zu haben. Dramatisch ist das allerdings – nicht so sehr wegen der Einzelschicksale, sondern wegen des Politikums, das dahintersteht. Genau vor zehn Jahren hießen Schweizerinnen und Schweizer die Fristenregelung und damit den straffreien Schwangerschaftsabbruch mit großer Mehrheit gut.

Im kommenden Jahr steht mit der Initiative "Abtreibung ist Privatsache" eine neue Abstimmung zum Thema an. Die Initianten wollen, dass Frauen für eine Abtreibung selber bezahlen. Dadurch würden die Krankenkassen von "fragwürdigen Leistungen" entlastet, heißt es. Und außerdem müsse so niemand mehr Leistungen finanzieren, die er moralisch nicht vertreten könne.

Wenn für allfällige Fehler künftig wieder nur die Frauen bezahlen sollten, dann sei das der schrittweise Versuch, die Fristenlösung rückgängig zu machen. Das sagt die 33-jährige Claudine Esseiva, Generalsekretärin der FDP-Frauen und Kommunikationsberaterin. Sie sagt auch: "Diese Initiative ist eine Zwängerei."

Die quirlige Fribourgerin gehört zu den Frauen, die sich im SonntagsBlick zu einer Abtreibung bekannt haben, und ist eine der treibenden Kräfte hinter der Gegenkampagne. Eine Frau, die ihre Meinung sagt und Angriffe nicht fürchtet. Denn sie glaubt an die Sache. "Man muss auch einmal eine steife Brise aushalten können", sagt sie.

"Ich bin die größte Alibi-Übung der FDP"

Das sind sicher gute Voraussetzungen für jemand, der mit der eigenen Abtreibung Politik macht. Es braucht Nehmerqualitäten, mit Reaktionen umzugehen, wie sie dieses Thema evoziert. Das zeigen die Kommentare im Internet. Frauen seien selber schuld, wenn sie mit dem falschen Mann schliefen, und wenn sogar Prostituierte sich schützen könnten, dann sei das auch von normalen Frauen zu verlangen, so der Grundton der Abtreibungsgegner. Noch deutlicher tönt es in den E-Mails, die Esseiva persönlich erhält. Die Beschimpfungen reichen von "Kindsmörderin" bis zu schlüpfrigen Bezeichnungen in allen Schattierungen. Macht einem so etwas nicht zu schaffen? Esseiva zuckt nicht mit der Wimper: "Nein. Denn ich bin überzeugt, dass es wichtig ist."

Was ist denn nun die Sache, für die Esseiva den vollen Einsatz wagt? "Es geht um die Freiheit der Frauen. Das ist der Grund, warum ich überhaupt Politik mache", sagt sie. Freiheit – ein großes Wort, und es kommt Esseiva leicht über die Lippen. Genauso wie alle anderen Worte. Zu jedem Thema kennt sie die Zahlen und nimmt Gegenargumente schon vorweg: Abtreibungsfreiheit, Frauenmangel in den Chefetagen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die rechtliche Stellung geschiedener Eltern. Sie kennt sich in ihrem Metier aus, nicht nur politisch, sondern auch privat. In ihrer beruflichen Laufbahn hat sie genug Erfahrungen gesammelt, um die Hindernisse für Frauen zu kennen – auch die von Müttern. Sie selbst hat noch keine eigenen Kinder, lebt aber mit ihrem Partner in einer Patchworkfamilie. Die Freiheit der Frauen ist auch ihre eigene Freiheit.