Sie ist eine angenehme Erscheinung mit freundlichem Auftreten und zielstrebig im Denken. Die Tochter eines Schmieröl-Unternehmers könnte man sich selber gut auf einem Chefposten vorstellen. Stattdessen bewirtschaftet sie nun für die FDP Frauenthemen. Schuld daran ist Christoph Blocher. Beziehungsweise das Parlament. Als das nämlich im Dezember 2003 nicht mehr Ruth Metzler, sondern Blocher in den Bundesrat wählte und die Frauen in der Regierung damit erneut untervertreten waren, hatte Esseiva ihr politisches Erweckungserlebnis. Erst regte sie sich auf. Dann beschloss sie, etwas zu tun. Sie trat der FDP bei und übernahm bald darauf den Posten als Generalsekretärin der FDP-Frauen. "Ich bin eine überzeugte Liberale, und ich bin Feministin", sagt sie.

Eine junge Frau, die sich mit Verve für eigentlich klassisch linke Anliegen engagiert, entspricht nicht dem Bild, das man sich von der bürgerlichen und eher braven Partei macht. "Ich bin die größte Alibi-Übung der FDP", sagt sie lachend. Vielleicht ist der Posten eine Sackgasse – Esseiva glaubt allerdings eher an eine Chance. Immerhin ist die FDP neben der SP die einzige Partei, welche eine Generalsekretärin der Frauenfraktion hat. Gleichstellungsthemen sind heute nicht mehr sonderlich beliebt, nicht einmal mehr bei den Linken. Aber man kann sie ja auch anders bewirtschaften, als das bisher geschehen ist. Denn Themen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie interessiert vor allem die 32- bis 55-Jährigen – just das Wählersegment, das sich in den letzten Jahren von der FDP abgewendet hat.

Dass Gleichstellungsthemen nicht den klassischen Parteilinien folgen müssen, zeigt der eben lancierte Abstimmungskampf zur Abtreibungsinitiative. "Es wird ein Kostenargument vorgeschoben, dabei geht es um eine moralische Frage", sagt Esseiva. Der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern verläuft denn auch nicht so sehr zwischen links und rechts, sondern zwischen den Geschlechtern. "Viele Männer sagen: Ich bin zwar für die Fristenregelung, aber eigentlich ist es richtig, wenn Frauen selber zahlen." Und so finden sich Sympathien für die Abtreibungsinitiative bis weit ins bürgerliche Lager hinein. Offiziell äußern sich wenige Männer dazu. Aber inoffiziell habe sie sich von jungen Parteimitgliedern sagen lassen müssen, dass notgeile Frauen selber schuld seien, wenn sie nicht aufpassen könnten. Und deshalb auch selber bezahlen sollten.

"Es gab nicht sehr viele Frauen, die für die Kampagne mit Gesicht und Namen hinstehen wollten", sagt Esseiva. Ihr hingegen macht es nichts aus – auch nicht, dass sie oft dem linken Lager zugeordnet oder gar als Lesbe bezeichnet wird. Und regt sich gerade niemand auf, sorgt sie dafür, dass das nicht lange so bleibt. So im vergangenen Jahr, als sie mit der Plakatkampagne "Nie mehr oben ohne" für Aufsehen sorgte. Darauf posierte sie mit nacktem Oberkörper, um auf den weiblichen Führungskräftemangel aufmerksam zu machen, unter der, verdeckten, Brust stand: "Gemischte Teams sind erfolgreicher – aus Liebe zur Wirtschaft".

Es gehe auch bei der Abtreibung um Macht – und Machtverlust, sagt Esseiva

Die Resonanz war groß. Allerdings wurde mehrheitlich darüber diskutiert, dass sich inzwischen sogar FDP-Frauen ausziehen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Und der Blick fand auch noch das unzensierte Bild im Netz und veröffentlichte es, was zu noch mehr Diskussionen führte. Esseiva war danach jedenfalls bekannt. Und das Thema wie nebenbei auch.

Warum braucht es noch Frauenpolitik, Frau Esseiva? Stehen Ihnen nicht Tür und Tor offen? "Nein. Heute ist die Diskriminierung subtiler geworden. Sie zeigt sich vor allem, wenn es um Machtfragen geht", sagt die Politikerin. Darum gehe es auch bei der Abtreibung, sagt Esseiva. Das Argument, die Frauen sollten zahlen, weil sie für eine Schwangerschaft selber verantwortlich seien, lässt sie nicht gelten. "Man kann auch bei Leuten mit Diabetes oder Stressproblemen nach der Eigenverantwortung fragen. Sollen diese Krankheiten auch aus dem Leistungskatalog gestrichen werden?" Nein. Stattdessen wünscht sie sich, dass die Schweizer das Thema Gleichstellung mutiger angehen – und auch nicht immer nur aus der Frauenperspektive, sondern im Sinne gerechter Lösungen für beide Geschlechter. "Hinter vielen negativen Reaktionen steckt die Angst vor Machtverlust." Wenn die Frauen selber über ihren Körper bestimmen wollen, so weckt das die Angst der Männer, beim Entscheid für oder gegen ein Kind nicht mitreden zu können – und entweder auf die Vaterschaft verzichten oder sich an die Spielregeln der Mutter halten zu müssen. Das wird sich wohl erst ändern, wenn die Gesellschaft Elternschaft und Scheidungsrecht gerechter zu regeln beginnt. Esseiva hat noch zu tun.