Nicht weit von hier hat ihr Vater damals eine Schnur über den Garagenvorplatz gespannt und ihr einige Bälle zugespielt. Das war im Herbst 1999. Belinda Bencic war gerade mal zwei Jahre alt. Heute, an einem kühlen Morgen, retourniert sie in der Tennishalle von Niederuzwil jeden Ball, den ihr der Sparringspartner serviert. Vorhand, Rückhand, Belinda macht kaum einen Fehler, sie jagt den Gegner von einer Ecke zur anderen. Nach einem besonders gelungenen Schlag huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Die Rentner, die sich die Nebenplätze gemietet haben, unterbrechen ihr Spiel. Sie staunen und tuscheln.

Dass Belinda Bencic die Bälle mit so viel Verve übers Netz schlägt, ist die Frucht harter Arbeit – und die Erfüllung eines Masterplans.

Der große Plan entsteht im Januar 1997, zwei Monate vor Belindas Geburt. Martina Hingis gewinnt in Australien ihr erstes Grand-Slam-Turnier, und Ivan Bencic, der in seiner Freizeit ab und zu Tennis spielt, fiebert vor dem Fernseher mit. Er beschließt: Auch aus meiner Tochter soll ein Tennisstar werden. Als Belinda zwei Jahre alt ist, drückt er ihr erstmals ein Tennisracket in die Hand. Mindestens eine Stunde täglich spielt er mit ihr. Mit vier Jahren beginnt Belinda mit einem systematischen Training. Bald bei Melanie Molitor, der Mutter und Trainerin von Hingis. Zwei Jahre später reist die Familie Bencic, zu der neben Vater und Mutter auch ein drei Jahre jüngerer Bruder gehört, für sechs Monate nach Florida. Belinda trainiert in der bekannten Bollettieri-Akademie, nebenher tritt die Sechsjährige bei Turnieren für unter Zehnjährige an. Mit 14 Pokalen im Gepäck kehrt die Familie in die Schweiz zurück.

Die Karriereplanung der Tochter dominiert fortan das Familienleben. Aktuell steht Belinda auf der Nummer 951 der Weltrangliste.

Noch bevor Belinda in die Primarschule kommt, ziehen die Bencics von Uzwil nach Wollerau – zu Melanie Molitor. Belinda kann nun täglich bei ihr trainieren. Sie ist, wie die Trainerin sagt, ihr "zweites Projekt" nach Tochter Martina Hingis, die während 209 Wochen die Weltnummer eins war und 14 Grand-Slam-Titel gewann. Rasch gilt Bencic als "Wunderkind" und, eben, als "zweite Hingis". Der Vergleich liegt auf der Hand: Beide Tennisspielerinnen haben Wurzeln in der Slowakei, beide trainieren unter Molitor, beide feiern schon im Kindesalter nationale Erfolge und stehen früh im Rampenlicht. Belinda ist elf, als das Schweizer Fernsehen zu Besuch kommt und die Hingis-Poster in ihrem Kinderzimmer filmt. Ein halbes Jahr später ziert sie die Titelseite der auflagenstarken Coopzeitung. Und immer sagt sie: "Ich träume davon, die Weltnummer eins zu werden."

Zurück in Niederuzwil. Ivan Bencic betritt die Halle. Er erteilt seiner Tochter knappe, slowakische Anweisungen. Lob ist seltener als Tadel. Nach dem Training sitzen Vater und Tochter im Restaurant der Tennishalle. Ivan trinkt Mineralwasser, Belinda hat er eine Ovomaltine erlaubt. Die erste von drei Trainingseinheiten an diesem Tag hat die mittlerweile 15-Jährige hinter sich. Herr Bencic, ist Erfolg planbar? "Es gibt viele Unwägbarkeiten", sagt er. "Aber wer nicht in jeder Situation das Maximum gibt, ist von vornherein chancenlos." Viele glaubten, Ballgefühl sei angeboren, doch er behaupte das Gegenteil. "Da stecken Tausende Trainingsstunden dahinter." Entscheidend für die bisherigen Erfolge sei, dass Belinda schon im frühsten Kindesalter mit Tennis begonnen habe. Bis heute habe sie gegenüber Gleichaltrigen einen Vorsprung. Belinda selbst hört zu und schweigt.