Antonios Allerheiligstes hat vier Wände, aber kein Dach. Es ist das sprießende, blühende, durstige kleine Blumenparadies im Patio seines Hauses. Aus jeder Ecke, aus Dutzenden Blumentöpfen, von allen Wänden leuchten rote und rosa Geranien, gelbes Johanniskraut, violette Nelken, weiß-gelbe Margeriten... Der Brunnen unter dem schwer tragenden Zitronenbaum plätschert leise, in einem kleinen Käfig zwitschert ein Vogel. Antonio, ein sanfter Andalusier von Ende 50, atmet zufrieden aus beim langsamen Blick rundum. Er pflegt sein Reich mit leidenschaftlicher Akkuratesse. Die Geranientöpfe an den Wänden hängen in Reih und Glied, das rechteckig abgesteckte Rasenstück unter der wuchtigen Zierpalme sieht aus wie mit der Nagelschere getrimmt. Zärtlich spricht er von seinen Blumen und berührt sie sachte, als wollte er ihnen nicht weh tun. Die Clematis mit ihren violett-blauen Sternblüten an der linken Mauer hat er sich extra von einer Freundin aus Deutschland mitbringen lassen. "Eigentlich gibt es die hier gar nicht", sagt er stolz.

Zusammen mit seiner Frau Leonor hat Antonio Perez aus einem bloßen rechteckigen Hof in Córdobas Altstadt ein Kunstwerk geschaffen. Vier bis fünf Stunden tägliche Arbeit stecken darin – Gießen, Beschneiden, Umtopfen. Antonio hält damit eine lange familiäre Tradition aufrecht. "Wir Kinder haben früher im Hof meiner Oma gespielt und ihr damals schon beim Gießen geholfen", erzählt er. Ein Stück des großmütterlichen Grüns hat er sich bewahrt: Die Hadernblatt-Sträucher stammen noch aus ihrem Patio.

Antonio tritt jedes Jahr an. Einmal hat er sogar den ersten Preis gewonnen

Nicht nur Antonios Familie, die ganze Stadt pflegt die Tradition der Patios. Mehr als 4.000 Innenhöfe gibt es in Córdobas weiß getünchter Altstadt. In jeder Straße blitzen sie bunt hervor hinter halb offenen Türspalten oder eisernen Eingangstoren. Wer stehenbleibt für einen flüchtigen Blick, sieht sprudelnde Brunnen, meterhohe Kakteen und Wände voller Blumentöpfe. In manche Patios späht man geradezu hinein wie in verborgene Schatzkammern. Immerhin: Einmal im Jahr werden viele Tore geöffnet. Für den zehntägigen Concurso de los Patios de Córdoba, den Wettbewerb der Innenhöfe, putzen die Einwohner jeden Mai ihre Patios ganz besonders heraus.

Antonio tritt jedes Jahr an. 1998 hat er sogar den ersten Preis gewonnen. Sein Haus liegt im äußersten Norden der Altstadt. Es ist ein Neubau, kaum 20 Jahr alt, aber geplant im Geist der Vergangenheit. Denn Antonios Haus folgt einem Modell, das vor mehr als tausend Jahren die Mauren in Andalusien verbreiteten: Es umrahmt einen Innenhof. Damals wie heute ist der Patio ein luftiger Ort der Ruhe, abgeschirmt vom Lärm der Straße, ein kleines Stück voller Grün inmitten dicht besiedelter Gassen. Durch Bogengänge oder Palmen bietet er oft Zuflucht vor dem gleißenden Licht und der andalusischen Hitze – Córdoba erreicht im Sommer mitunter die höchsten Temperaturen ganz Europas.

Von Antonios Haus ist es ein halbstündiger Spaziergang bis ins Zentrum von Córdobas Altstadt. Die Gassen sind so eng, dass man sich in einen Hauseingang drücken muss, wenn ausnahmsweise ein Auto durchfährt. Sie sind so verwinkelt, dass man sich ohne Plan sofort verläuft. Sie sind so schlicht und weiß, dass jedes blumengeschmückte Fenster zu leuchten scheint. Oft enden sie in Plätzen mit sanftem Wasserplätschern und duftenden Orangenbäumen. Um die Mittagszeit ist es still, man hört die eigenen Schritte von den Wänden widerhallen. Aus einer Kirche dringt Gesang. Vor dem Altar steht eine weiß verschleierte Braut und wiegt sich leicht im Klang der Musik.

Am Südwestzipfel der Altstadt ist es vorbei mit der Ruhe. Hier liegt das historische Zentrum, jener Teil der Stadt, der noch auf Córdobas Glanzzeit zurückgeht. Im zehnten Jahrhundert erhob sich der maurische Herrscher zum Kalifen und machte aus Córdoba für eine Weile die größte und fortschrittlichste Stadt Europas. Möglich war das vor allem durch religiöse Toleranz. Die zog auch eine große jüdische Gemeinde an. Und inzwischen ist es gerade deren altes Viertel, die Judería, in der sich die meisten traditionellen Patios befinden. Zur Zeit des Wettbewerbs stehen Einheimische und Touristen Schlange, um hineinzukommen.

Auch der Patio in der Straße San Basilio ist im Wettbewerb gelistet. Er gehört dem Verein Amigos de los Patios Cordobeses ("Freunde der Innenhöfe Córdobas") und läuft außer Konkurrenz. "Weil er der Schönste ist und immer gewinnen würde. Das wäre doch unfair den anderen gegenüber", sagt Miguel Angel Roldán Sanchez mit breitem Grinsen. Miguel ist der Präsident des Vereins und gerade damit beschäftigt, die Besuchermassen zu lenken. Den Vereins-Patio kann man das ganze Jahr über betreten, nie ist er so voll wie jetzt. Durch ein enges Eingangstor fädeln sich Besucher in einen von Bogengängen eingerahmten Hof. Kobaltblaue Blumentöpfe schmücken in makelloser Symmetrie die weißen Fachwerkwände. Geranien, Petunien und Stiefmütterchen sind zu geometrischen Mustern angeordnet, der Brunnen trägt einen roten Blütenbogen, und selbst die Treppe zur oberen Galerie ist mit Blumenkästen behängt. Der Vereinspräsident muss nur achtgeben, dass die staunenden Besucher beim Blick hinauf nicht alle Pflanzen am Boden zertreten.