Das Kino ist ein Medium für die Massen, aber die Beziehung zwischen den beiden ist schwierig. Wenn viele Leute an der Kasse anstehen – prima. Geht es jedoch darum, sie auf die Leinwand zu bringen, dann laufen sie schnell aus dem Ruder, und sie sind teuer. Für das erste Problem fand Leni Riefenstahl eine unerfreuliche Lösung: Sie hat die Massen mit Blick auf den "Führer" formiert. Das zweite ist erst kürzlich aus der Welt geschafft worden: Hollywood lässt Menschenmengen heute am Computer designen – Algorithmen statt Komparsen.

Das frühe sowjetische und französische Kino hatten zur Masse allerdings ein innigeres Verhältnis: Sie konnten sie in einem positiven Sinne als Volk entwerfen, als eine wilde, aber konstruktive historische Kraft. Und kein Film hat das so leidenschaftlich getan wie Abel Gance’ stummer Napoleon, den Arthaus in der knapp vierstündigen Version herausbringt, die Francis Ford Coppola Anfang der Achtziger mit einem umstrittenen Score seines Vaters Carmine lancierte. Auf den ersten Blick scheint das 1927 auf die Leinwand gewuchtete "Fragment" – Gance’ "Final Cut" lief mehr als neun Stunden und sollte ursprünglich fortgesetzt werden – ein heroisches Biopic zu sein: die Geschichte des "Bürgers General" von der Militärschule über den Aufstieg in den Wirren der Revolution bis zum Italienfeldzug 1796. Tatsächlich aber ist der Film eine Etüde über die Beziehung der "großen Männer", der historischen Persönlichkeiten zur Masse. Bonaparte (Albert Dieudonné), der mit dem Boot auf sturmgepeitschtem Meer aus Korsika flüchtet, während im Nationalkonvent die Girondisten untergehen, surft auf den Wogen der Geschichte und scheint auf magische Art mit der Volksbewegung in Verbindung zu stehen. In einer Schlüsselszene wird er von den Geistern prominenter Revolutionäre – Danton, Marat, Robespierre, Saint-Just – beauftragt, Europa im Zeichen der Freiheit zu einen. Was da verhandelt wird, war seinerzeit durchaus kein überlebtes Modell; vielmehr muss die Frage, ob man die Utopie der Gleichheit und Brüderlichkeit einem Einzelnen anvertrauen könne, hochaktuell gewesen sein: Als der Film gedreht wurde, tobte in der Sowjetunion der Kampf um Lenins Erbe.

Auch formal ist Napoleon auf der Höhe der Zeit: eine atemberaubende Folge malerischer Tableaus und eruptiver "Action". Dieser Regisseur kann nicht genug Leute im Bild haben, und die nervöse Energie der Volksversammlungen und -heere hat den Apparat infiziert. Gance experimentierte nicht nur mit einem Breitwandverfahren, bei dem drei Bilder gleichzeitig projiziert werden; er arbeitete mit Mehrfachbelichtung, Split Screen, Fast Cutting und montierte die Kamera auf alles, was sich bewegt. Das erzeugt eine ungeheure Dynamik, die selbst eine utopische Note hat: Sie drückt die Hoffnung aus, es möge immer noch ein bisschen vorangehen mit der Geschichte. Warum das Unternehmen Napoleon nicht zufällig mit Bonapartes Aufbruch nach Italien endet, kann man an Gance’ in den Fünfzigern nachgeschobenem Austerlitz sehen, der dem DVD-Paket beiliegt: Der Masse entfremdet, in protzigen Salons mit Strategiedebatten beschäftigt, ist Napoleon bloß ein Polit-Langweiler unter vielen. Etwas war zu Ende gegangen.

"Napoleon" von Abel Gance  (Arthaus Premium Edition)