Ein weißer Raum, schön gesetztes Licht, stilisierte Schwarz-Weiß-Bilder – und das soll ein Dokumentarfilm über Obdachlose sein? In 9 Leben gibt Maria Speth den Blick frei auf sieben Jugendliche, die sich schon früh entschieden haben, auf der Straße zu leben. Es ist der cinematografische Kunstraum, der zur Bühne für die Wirklichkeit wird, die Geschichten und Schicksale umso verstörender erscheinen lässt.

Man erlebt junge, ernste Gesichter, die schon vom Dasein im Freien gezeichnet sind. Und von dem, was davor lag.

"Die Straße ist zwar kein schöner Ort, aber immer noch besser als zu Hause", sagt ein gepierctes Mädchen. Wohl nicht zufällig haben sich alle Jugendlichen Spitznamen zugelegt, Sunny, Toni, Krümmel, Stöpsel, Soja, JJ, Za. Die Straße ist für sie keine Sackgasse, eher eine Möglichkeit, Misshandlungen und familiären Deformationen zu entkommen. Abgeklärt und geistesscharf sprechen sie über sich und ihre Situation, ganz bewusst haben sie sich Ersatzfamilien und Seelenverwandte gesucht. 9 Leben erzählt überraschenderweise nicht von Opfern, sondern von Überlebenskämpfern. Es ist eine Begegnung mit jungen Menschen, die wissen, was sie tun.

"9 Leben" von Maria Speth (Filmgalerie 451)