Am 31. Mai 1962 wurde Adolf Eichmann im Gefängnis von Ramla hingerichtet. Der weltweit aufsehenerregende Prozess in Israel gegen den als Referatsleiter im Reichssicherheitshauptamt für die Judenvernichtung zuständigen SS-Obersturmbannführer war im Dezember 1961 mit dem Todesurteil zu Ende gegangen. Zu den bewegendsten Dokumenten, die um den Prozess kreisen, gehört die Auseinandersetzung zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem. Die politische Philosophin und der Erforscher der jüdischen Mystik stritten sich über die Thesen von Arendt, die über den Prozess ihren Bericht von der Banalität des Bösen veröffentlicht hatte. Am Rande ihrer erschütternden Briefe (damals von beiden veröffentlicht, seit 2010 in der vollständigen Edition im Jüdischen Verlag wieder nachlesbar) taucht auch die Frage nach der Todesstrafe gegen Eichmann auf: Arendt hatte sie in ihrem Buch ausführlich begründet. Scholem schreibt ihr nun, weshalb er gegen deren Vollzug war: Er sei "historisch falsch", "gerade unserer Stellung zu den Deutschen wegen". Arendt missversteht und erklärt ihm, warum er politisch-philosophisch notwendig gewesen sei. Scholem wiederum begründet in seiner Antwort vom 12. August 1963 prophetisch seine Haltung, leider damals nicht mehr veröffentlicht: Er sei für die Todesstrafe, jedoch gegen die Hinrichtung gewesen, weil "wir jeden Anlass haben, den Deutschen die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit nicht durch den Tod Eichmanns so zu erleichtern, wie wir es gemacht haben". Er spüre sogleich "ein grosses Aufatmen" in Deutschland, das bleiben würde." Einmal mehr sollte er recht behalten. Man stelle sich vor, der millionenfache Judenvernichter Eichmann hätte in einem israelischen Gefängnis womöglich bis 1985 gelebt: In Deutschland wäre ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für das Menschheitsverbrechen dann kaum erst in den achtziger Jahren entstanden – so skandalös spät.