Sein Erbe zieht noch immer: Von der Vorabendsoap Gute Zeiten, schlechte Zeiten strahlte RTL soeben die Episode 5000 aus. Dabei war der Zuspruch bescheiden, als der damalige Senderchef Helmut Thoma die Billigproduktion vor 20 Jahren erstmals in sein Programm hob. "Alle haben mir geraten, die Sendung möglichst rasch wieder einzustellen", erinnert sich der TV-Haudegen. "Aber ich war felsenfest davon überzeugt, dass wir mit diesem Format goldrichtig lagen." Von den Werbemillionen, die RTL heute mit der jugendlichen Endlossaga verdient, bestreiten andere Sender ihr Jahresbudget.

Nun will der 73-jährige Veteran den deutschen Fernsehmarkt noch einmal aufrollen und einen dritten, nationalen Senderverbund im Privatfernsehen aufbauen. Sein neues Projekt heißt Volks.TV und soll in den nächsten Wochen von Düsseldorf aus den Betrieb aufnehmen. Nach dem Vorbild amerikanischer TV-Unternehmer will Thoma in den nächsten zwei Jahren das "erste deutsche Network" knüpfen, wie er sagt: Ein Verbund aus Regional- und Lokalfernsehsendern soll zu bestimmten Kernzeiten ein Mantelprogramm übernehmen, das Thoma produziert. Eines Tages soll es bis zu 70 Prozent der Sendezeit der kleineren Stationen füllen.

Entsprechende Verträge sind geschlossen. Thoma hat regionale Partnerstationen in NRW, Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Sachsen und der Rhein-Main-Region, die insgesamt elf Millionen Kunden mit ihren Programmen beliefern. Die Medienkonzerne Springer und WAZ sind bei Thomas Volks.TV über diverse Beteiligungen an jenen Regionalsendern mit an Bord.

"Allen lokalen TV-Stationen steht das Wasser bis zur Oberlippe", sagt Thoma. Insolvenzen, Eigentümerwechsel und Umstrukturierungen prägten die vergangenen Jahre. Der Übermacht der beiden kommerziellen Senderkonglomerate sowie der gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen haben sie nur wenig entgegenzusetzen. Die Stärken der kleinen Sender sind das regionale Frühstücksfernsehen und lokale Informationsformate.

Den größten Teil des Sendetages füllen diese Sender derzeit allerdings mit Teleshopping und Werbesendungen – oder sie verkaufen Sendezeit an Firmen und Interessengruppen. Bei Rhein-Main TV in Bad Homburg beispielsweise mieten sich gerne Freikirchen mit ihren Halleluja-Shows ein.

An dieser publikumsfeindlichen Schwachstelle setzt Thoma an. Er verspricht, ein kurzweiliges und unbekümmertes Unterhaltungsprogramm zu liefern. Jedes Glied seiner Volks.TV-Kette könne sich daraus so umfassend, wie es möchte, bedienen.

"Unser Trumpf liegt darin, dass wir uns noch im Bereich des Analogfernsehens bewegen werden", argumentiert Thoma. Anders als im Internetfernsehen sei der Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Werbeeinnahmen in diesem Teil des Kabelfernsehens überschaubar, sein Projekt also für die nächsten gut fünf Jahre leichter zu refinanzieren. Allerdings sei dieser von ihm empfundene Vorteil, räumt Thoma ein, seinen Investoren nur schwer begreiflich zu machen.

Dennoch besorgte ein britischer Equity Fonds die Anschubfinanzierung, und darüber, dass er die 30 Millionen Euro, welche die ersten beiden Sendejahre von Volks.TV kosten dürften, nicht rechtzeitig eingesammelt haben könnte, scheint sich der Routinier nicht zu sorgen.

Der Mann, dessen TV-Revolte gerne mit dem Dreigestirn "Rammeln, Töten, Lallen" umfassend gewürdigt wurde, bereitet seinen neuen Coup nun schon ein Jahr lang vor. Im August des vergangenen Jahres genehmigte die Medienaufsicht KEK, der die Kontrolle der Medienkonzentration in der Branche obliegt, das Projekt. Auch die Zulassungsaufsicht der Medienanstalten erteilte ihren Segen.

Nun geht es genauso los wie einst in den Babyjahren von RTL. Damals noch Programmdirektor von Radio Luxemburg, zog der frischgebackene Fernsehboss 1984 zwei Dutzend Rundfunkleute ab (Thoma: "Und nicht einmal die Besten!"), die fortan kunterbunte Lollipop-Ware auf Sendung brachten. "So war Fernsehen immer", sagt Thoma. "Das Programm muss nur erfrischend anders sein, notfalls auch erschreckend anders – aber es muss anders sein." Für den Start hat er wieder nur zwischen 20 und 30 Leute angeworben, vornehmlich Absolventen verschiedener Medienschulen. Sie sollen billige Versuchsballons in den Äther steigen lassen.