Die Griechen sind mal wieder empört, doch diesmal nicht über Frau Merkel, sondern über Frau Lagarde. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds hat gesagt, sie habe mit den Kindern in Niger, die sich zu dritt einen Stuhl teilen müssten, mehr Mitleid als mit den Griechen, die weniger Probleme hätten, wenn alle ihre Steuern zahlten. Wie wahr! Und doch: Hätte sie nicht hinzufügen müssen, dass sich auch die Kinder in Hessen oder Hamburg zu dritt einen Stuhl teilen müssen? Wenn sie denn überhaupt in eine Kita hineinkommen. Dass es in Afrika zu wenige Kita-Plätze gibt, ist weithin bekannt, und es spricht für Frau Lagarde, dass sie sich deswegen Sorgen macht. Aber Afrika ist auch in Darmstadt und Barmbek! Und scheuen wir uns nicht, die bittere Wahrheit auszusprechen: Wenn alle Deutschen alle ihre Steuern zahlten, dann hätten wir Kita-Plätze genug. Aber es ist gar nicht so einfach, dem Staat zu geben, was des Staates ist. Unser Steuersystem ist nur schwer zu begreifen, dazu bedarf es einer ausgefuchsten Intelligenz, und wer es begriffen hat, weiß, wie er davonkommt. Dass die Griechen intelligent sind, sollte man ihnen bitte nicht vorwerfen.

Was übrigens die Kita betrifft, so handelt es sich um ein Kosewort für Kindertagesstätte, und man kann sich fragen, wann und warum die hölzern umständliche Kindertagesstätte den blumig eleganten Kindergarten verdrängt hat. Vermutlich waren hier Sprachschützer am Werk, die an den im anglofonen Sprachraum weit verbreiteten kindergarden dachten und Kindergarten für einen Anglizismus hielten, der durch den korrekten Begriff der Kindertagesstätte zu ersetzen sei. Es kann aber auch sein, dass das Wort Kindergarten in den Ohren unserer Pädagogen und Behörden zu nett, zu idyllisch klingt, dem Ernst der frühkindlichen Lage gänzlich unangemessen. Denn unsere Kleinen kommen ja nicht zum Spaß in die Kita, sie müssen emotional und kognitiv rechtzeitig trainiert werden, die Vorbereitung auf das Abitur kann nie früh genug beginnen. Intelligenz zählt nämlich zu jenen Schätzen, die man im Tagebau fördern kann, und wer intelligent ist, hat auch die Chance, unser Steuersystem zu begreifen, inklusive aller ganz legalen Tricks.

Wenn aber, um auf Frau Lagarde zurückzukommen, sowohl in Niger als auch in Bielefeld zu wenig Stühle für die armen Kleinen da sind, dann bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ewig die Reise nach Jerusalem zu spielen. Dieses Elend möchte man sich gar nicht ausmalen, dann ginge man schon lieber nach Griechenland.

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