"Ein Dokument der Liebe"

Wer sich jemals daran versucht hat, den eigenen Familienalltag zu fotografieren, kann Christopher Anderson nur bewundern. Eine erstaunliche Kraft und Ruhe strahlen diese Bilder aus. Obwohl sie spontane Situationen zeigen, sind sie das Gegenteil von Schnappschüssen. Stattdessen: durchdachte Kompositionen, geduldig vollendete Gemälde. Nur zum geringeren Teil erklärt sich die Wirkung dieser Fotos aus der Tatsache, dass der 42-jährige Magnum-Fotograf Christopher Anderson ein renommierter Reporter ist, der nun mal sein Handwerk versteht. Es geht in diesen Bildern buchstäblich um Leben und Tod.

Und mit beiden Themen kennt sich Christopher Anderson sehr gut aus. Bekannt wurde er mit einer todesmutigen Reportage im Jahr 1999: In Haiti stach er mit 44 Flüchtlingen in See, Richtung USA, in einem notdürftig zusammengezimmerten Boot namens Believe in God. Als das Boot zu sinken begann, nachts, irgendwo in der Karibik, fotografierte Anderson weiter – ohne zu wissen, ob er, oder auch nur seine Kamera, den Untergang überleben würde. Schließlich rettete die US-Küstenwache die Passagiere. Und die Filmrollen.

Anderson hatte sein großes Thema gefunden: existenzielle Extremsituationen. In den darauffolgenden Jahren fotografierte er Kriege und Konflikte unter anderem im Libanon und in Afghanistan. Im Irak begleitete er 2003 die erste amerikanische Armeeeinheit, die Bagdad erreichte. Immer wieder riskierte er sein Leben, um Menschen in Lebensgefahr zu dokumentieren.

2008 wurde Anderson Vater. Aus den Fotos, die er zu Hause in New York von seinem Sohn Atlas machte, entstand die Serie Son. "Ich hatte diese Arbeit nicht geplant", sagt er. "Diese Bilder sind meine Reaktion auf die zugleich persönlichste und universellste aller Erfahrungen: die Geburt eines Kindes."

In das junge Vaterglück mischte sich ein anderes persönliches, universelles Erlebnis: Bei seinem Vater wurde Lungenkrebs festgestellt. Natürlich, sagt Anderson, habe er sich in den ersten zwei Lebensjahren seines Sohnes intensiv mit den naheliegenden Fragen beschäftigt, mit Leben und Tod eben: "Durch meinen Sohn bekam meine eigene Rolle als Sohn eine neue Bedeutung." Und so bezieht sich der Titel Son nicht nur auf das kleine Kind, sondern auch auf den gerade zum Vater gewordenen Sohn. Mehr denn je sei ihm in dieser Zeit seine eigene Vergänglichkeit bewusst geworden. Er nennt die Serie "ein Dokument der Liebe und eine Reflexion über die Jahreszeiten des Lebens". Genau das ist sie. Mehr kann man von Familienfotos nicht verlangen.