ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Löw: Beim Zweikampfverhalten, da kenne ich kein Pardon. Wenn einer sechsmal grätscht und dreimal einen Elfmeter verursacht, dann ist mir egal, was sein Vereinstrainer von ihm will, dann ist er bei uns falsch.

ZEITmagazin: Gibt es ein Fehlverhalten von Spielern, das Sie nach wie vor maßlos aufregt? Zum Beispiel, jemand bleibt so konstant unter seinen Möglichkeiten, dass Sie ihm sagen müssen: Du hast so viele Gaben und rufst sie nicht ab!

Löw: Unter unseren Spielern ist niemand, der konstant unter seinen Möglichkeiten bleibt, sonst wäre er nicht mehr lange Nationalspieler. Ich möchte die Frage aber anders beantworten: Es muss unser Ziel sein, auch aus Spielern mit großem Potenzial alle Fähigkeiten herauszukitzeln. Und ohne dass das überheblich klingen soll: Ich habe das Gefühl, dass uns das gelingt.

ZEITmagazin: Das trauen Sie sich zu? 

Löw: Das traue ich mir in der Regel schon zu. Wenn ein Spieler mit großen Möglichkeiten immer wieder dieselben Dinge falsch macht, dann hat er vielleicht großes Potenzial, aber es fehlt an der Fähigkeit, zu lernen, sich zu konzentrieren. Daran muss konsequent gearbeitet werden.

ZEITmagazin: Wie schnell erkennen Sie, ob jemand lernfähig ist?

Löw: Ich sehe das relativ schnell, aber nicht immer auf Anhieb – vielleicht erst nach mehreren Trainingseinheiten oder nach dem ein oder anderen Spiel –, ob ein Spieler meine Anforderungen erfüllen kann.

ZEITmagazin: Bei der Gelegenheit, lassen Sie sich von den Spielern siezen oder duzen?

Löw: Manche duzen mich, aber der Großteil siezt mich.

ZEITmagazin: "Trainer, du" und "Trainer, Sie"?

Löw: Ja. 

ZEITmagazin: Wer darf Du sagen?

Löw: Lukas Podolski duzt mich.

ZEITmagazin: Ohne dass Sie ihm das angeboten haben?

Löw: Nun ja, damals als Co-Trainer unter Jürgen Klinsmann war das mit ihm irgendwie automatisch so. Explizit angeboten habe ich es niemandem. Aber damals war ich zumindest mit allen älteren Spielern wie Lehmann, Ballack oder Frings per Du. Bei den jüngeren lief es – mit Ausnahme von Lukas Podolski – per Sie. Etwa bei Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger oder Per Mertesacker. Und sie siezen mich auch heute noch – ebenso wie die jüngeren Spieler, die ab 2006 kamen.

ZEITmagazin: Und Sie siezen natürlich auch, oder?

Löw: Nein, nein. Ich duze.

ZEITmagazin: Sie duzen alle? 

Löw: Ja.

ZEITmagazin: Das ist sozusagen das Miniprivileg des Chefs.

Löw: Weiß ich nicht. Ich duze die Spieler.

ZEITmagazin: Die jungen Spieler haben meistens Facebook-Profile und Twitter-Accounts, durch die sie mit der Welt da draußen kommunizieren. Sagt Ihnen das was?

Löw: Natürlich, aber das ist nicht meine Welt der Kommunikation, und deshalb bin ich damit noch nie in Berührung gekommen.

ZEITmagazin: Würde es sich nicht lohnen, um die Spieler zu verstehen, sich das mal anzuschauen?

Löw: Nein. Ich respektiere, dass die Spieler das nutzen. Meine Art, zu kommunizieren, ist das aber nicht. Ich halte diese Form des Austausches eher für gefährlich. 

ZEITmagazin: Weshalb?

Löw: Es ist für mich ganz und gar unverständlich, wie Menschen ihr Privatleben, bis hin zu wirklich vertraulichen, ja intimen Dingen, so wahllos mit Tausenden oder gar Millionen Menschen teilen. Aber, wie gesagt, das ist deren Sache. Ich selbst habe gerade gehört, dass mein Anwalt wieder Seiten sperren lassen musste, die jemand unter meinem Namen betrieben hat. Dass jemand unter falschem Namen so was machen kann, ist schon bezeichnend für das ganze System.

ZEITmagazin: Wie erreichen Sie die Spieler, wenn Sie ihnen etwas mitzuteilen haben?

Löw: Ich schreibe eine SMS. In der Regel reagieren sie dann sehr schnell. Wichtiges wird ausschließlich mündlich, meistens am Telefon besprochen.

ZEITmagazin: Fürchten Sie, dass Spieler während der EM auch über Privates aus der Mannschaft twittern?

Löw: Nein, das fürchte ich nicht, denn wir haben klare Regeln aufgestellt. Die unterscheiden sich im Kern nicht von den Vorgaben, die es bisher auch gab: Die Kabine, der Inhalt der Teambesprechungen, Taktik, Verletzungen und so weiter sind tabu. Ebenso die Privatsphäre von Mitspielern und Betreuern.

ZEITmagazin: Und wer kontrolliert das? 

Löw: Wenn dagegen verstoßen wird, werde ich das schon erfahren. Dafür brauche ich nicht auf allen Kanälen mitzusurfen.