DIE ZEIT: Herr Villis, sind Sie das erste Opfer der Energiewende?

Hans-Peter Villis: Nein. Ich habe meinen Vertrag als Vorstandsvorsitzender bei EnBW selbst nicht verlängert – nachdem ich gehört habe, dass Teile des Aufsichtsrates mir nicht voll vertrauen.

ZEIT: Wenn Sie kein Opfer sind, was dann?

Villis: Konsequent. Ich weiß, dass wir durch die Energiewende eine Mammutaufgabe vor uns haben. Die kann man als Chef nur schaffen, wenn man alle hinter sich hat – auch den gesamten Aufsichtsrat. Ich habe jedenfalls keine Fehler gemacht. Das Unternehmen ist hervorragend aufgestellt, auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien, intelligenter Netze und moderner CO₂-armer Kraftwerke.

ZEIT: Offensichtlich hat Sie die grün-rote Landesregierung, der die EnBW zum großen Teil gehört, nicht mehr für den richtigen Mann gehalten. Warum?

Villis: Vielleicht liegt es daran, dass ich immer einen geraden Rücken hatte. Ich habe vor Fukushima für eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke plädiert und war auch danach für einen langsameren Ausstieg. Auf die Frage, was man zum Schutz des Klimas tun sollte, habe ich einmal geantwortet: ein Kernkraftwerk bauen. Seither gelte ich manchen als Atombefürworter.

ZEIT: Sie passen also nicht mehr in dieses Land.

Villis: Ich passe sehr gut hierher. Wir haben bei EnBW viel stärker auf nachhaltige Energien umgestellt als andere. Wir sind das Unternehmen mit dem geringsten CO₂-Ausstoß pro erzeugter Kilowattstunde (KWS).

ZEIT: Sie sind eigentlich ein Grüner?

Villis: Ich bin ein nachhaltiger Energiemanager.

ZEIT: Sie haben sich als Manager auf dem Berliner Parkett eher zurückgehalten. War das falsch?

Villis: Ich habe gelernt, dass man viel mit den Politikern reden muss. Vor Fukushima habe ich oft mit der Bundeskanzlerin telefoniert. Aber danach ging das nicht mehr. Seitdem hat die Regierung die Kommunikation mit unserer Branche leider weitgehend eingestellt. Dabei hätte sie uns, die großen Kraftbetreiber, doch fragen können, wie eine Energiewende zu schaffen ist. Stattdessen hat die Koalition den Ausstieg aus der Kernenergie spontan beschlossen. Das hat mich sehr enttäuscht.

ZEIT: Wie erklären Sie sich den Sinneswandel?

Villis: Die Politik wurde von der öffentlichen Meinung getrieben. Die Bilder aus Japan haben für enormen Druck gesorgt.

ZEIT: Glauben Sie an ein Comeback der Kernenergie?

Villis: Nein. Ich bin praktizierender Katholik und war beim Katholikentag in Mannheim. Nicht nur da hat man deutlich gespürt: Das Thema Kernenergie ist erledigt. Für Deutschland, für die Branche und auch für mich. Wir werden anders Energie erzeugen müssen.

ZEIT: Woran hakt es bei der Energiewende?

Villis: Bisher haben wir 16 verschiedene Energiewenden, in jedem Bundesland eine. Im Süden wissen wir immer noch nicht sicher, ob der Norden die Hochspannungsnetze schnell genug baut, damit der Strom aus den Windparks vor der Küste zu uns transportiert werden kann. Zudem hat jede Landesregierung eine andere Strategie: Baden-Württemberg setzt auf Windkraft an Land, Norddeutschland baut vor den Küsten. Andere fördern Biomasse oder das Energiesparen. Nichts davon ist koordiniert. Und gar nichts wird europäisch abgestimmt. Also bekommen die Polen und Tschechen jetzt Probleme, weil unser Strom in ihre Netze drängt.