Phnom Penhs Straßen glühen in der Mittagssonne, und Petra Doering sitzt im Tuk-Tuk. Sie lehnt sich an die Rückbank des Minitaxis und hält den Kopf in den Fahrtwind. An ihre Schulter schmiegt sich ein kleiner Junge und knabbert an einer gerösteten Banane. "Mein Enkel auf Zeit", sagt Petra und streicht Armand über die Locken. Die beiden schauen hinaus ins Verkehrsgewimmel. Lieferwagen brettern vorbei, beladen mit grellpinken Drachenfrüchten, eine Limousine hupt und bremst vor dem Königspalast, Mönche raffen ihre orangefarbenen Gewänder und schlendern vorbei an Straßenhändlern, die mit Handkarren auf den Bürgersteigen stehen. Es ist Siestazeit, ganz Phnom Penh strömt in den Schatten und zu den Garküchen, in denen im Akkord Nudelsuppen aufgegossen werden.

Drei Monate zuvor kniet Petra in ihrem Wohnzimmer im Hamburger Umland und zieht ihren Wollmantel wieder aus dem Koffer: "Den brauche ich ja doch nicht." Sie hat den ganzen Morgen gewerkelt, den Kronleuchter entstaubt, das Porzellan in die Vitrine geräumt, ihre Blumen in Pflege gegeben; nun ist sie reisefertig. Sie wollte ewig schon mal raus, erzählt die Mittsechzigerin. "Richtig in der Ferne leben. Aber irgendetwas war immer, die Ehe, das Kind, der Job." Oft ist sie ihr eng vorgekommen, diese Welt aus Reihenhaus, Tennisklub und Einladungen zum Grünkohlessen. Und ein paar Mal hat sie zwar Urlaube gebucht, Thailand oder Hawaii: "Aber da machte man das Touristenprogramm, tauchte nicht richtig ein ins Land. Das war mir zu wenig."

Dann las sie, verwitwet und frisch im Ruhestand, in der Zeitung von einer Hamburger Agentur, die Großmütter in alle Welt vermittelt. Als "Granny Aupairs". "Ich wusste sofort: Das ist es", sagt sie und schaut hinaus in den Schnee, der die Rhododendren in ihrem Garten bepudert. Am liebsten wollte sie nach Namibia, wo eine Freundin wohnt. Doch der Gastvater dort nervte sie schon beim Mailen. Als sie die Suchanzeige aus Kambodscha las, musste sie einen Atlas holen. Aber Armands Foto überzeugte sie. "Ich hab das Bild all meinen Freundinnen gezeigt."

Nun lebt sie für ein halbes Jahr an einem Ort, wo immerzu Tropenfeuchte in den Kleidern hängt. Anfangs hat sie viermal am Tag geduscht. Die Wimperntusche lief ihr übers Gesicht, sie warf sie weg. Statt Make-up trägt sie nun Sonnenmilch, und ihr fescher Kurzhaarschnitt kräuselt sich, aufgelöst in der Dauerschwüle: "Oft fühle ich mich, als wäre ich in eine Sauna gesperrt, und es gibt keinen Ausgang."

Das Tuk-Tuk hält vor einem vielgeschossigen Appartementhaus, Petras Heimat auf Zeit. In der Eingangshalle sitzt eine Concierge. Im Aufzug trifft Petra auf Nachbarn, eine japanische Pianistin und einen Weltbankmanager. Die einzige Kambodschanerin hat Besen und Putzeimer dabei. Petra wirft ein "How are you?" in die Runde. Dann steigt sie aus, schließt die Wohnungstür auf und zeigt ihr Zimmer: ein heller Raum mit Parkettboden, Kingsize-Bett und eigenem Bad.

"Mit 18 hätte ich mich für fremde Kinder nicht interessiert"

Armands Mutter arbeitet für Unicef . Draußen hausen Großfamilien in einer einzigen Hütte. Hier teilen sich eine Mutter, ein Dreijähriger und eine Granny sechs Räume, bestückt mit dunklen Holzmöbeln. Im Wohnzimmerregal stapeln sich Reiseführer, in der Kinderecke steht ein roter Schaukelelch. Die Wohnung liegt in Phnom Penhs Botschaftsviertel, könnte aber auch in Berlin-Mitte oder Hamburg-Winterhude sein. Petra muss schon vom Balkon schauen, um sich wieder in Kambodscha zu fühlen – hinab auf die goldenen Dächer der Pagoden und die Motorradtaxis, auf denen sich ganze Familien hinter den Rücken des Fahrers quetschen.

In der Hochglanzküche steht die Haushälterin Sokum am Herd und rührt in einer Pfanne mit Reis, Bambus, Ginseng und Papayawürfeln. Sie sagt: "Hello", und: "Sua-sdey" – Armand versteht ein paar Brocken Khmer. Anfangs hatte Petra sich erhofft, dass Sokum ihr Tor zu Kambodscha, zum Alltag der einfachen Leute sein könnte. Petra wüsste gerne, wie Sokum ihr Leben meistert, mit Kindern und ohne Mann. Doch die Haushälterin bleibt auf Distanz, setzt sich nie mit an den Esstisch. "Und wir sprechen beide kaum Englisch, können nur mit Händen und Füßen reden", sagt Petra. "Da gehen Gespräche nicht in die Tiefe." Immerhin haben sie inzwischen eine kulinarische Völkerfreundschaft geschlossen: Neulich hat Petra für Sokum eine Art Showbacken veranstaltet, Apfelkuchen für Kenner. Und Sokum hat Petra gezeigt, wie man Mekong-Fisch in Currysoße zubereitet, das Nationalgericht, und aus Bananenblättern eine Schüssel faltet.